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Unser Herbstlied
von Unbekannt (ca. 1929)

Herbst – das heißt: Kälte.
Kälte – das heißt für uns:
Frieren.
Herbst – das heißt für uns: arbeitslos.
Arbeitslos – das heißt: Hunger,
Hungern – das heißt:
Wir pfeifen auf euer Gerede
von Demokratie und Volksgemeinschaft.
Wir pfeifen auf eure leeren Versprechungen.
Wir werden davon nicht satt.
Wir sagen euch:
Wir wollen nicht mehr hungern.
Wir haben lange genug geschwiegen.
Wir sind für euch nur Arbeitsvieh.
Und Stimmvieh. Und Schlachtvieh.
Wenn ihr uns nicht mehr braucht,
dann können wir verrecken.
Merkt euch, ihr Herren:
Noch sind wir da!
Wir – das heißt:
die Millionenarmee Arbeitsloser.
Wir – das heißt:
Die Millionenarmee Betriebsarbeiter.
Wir – die Besitzlosen.
Wir – die Hungerleider.
Wir sind da.
Und machen einen großen Strich
durch eure Rechnung.
Bevor wir langsam, aber sicher,
für eure Dividenden
unsere Knochen opfern sollen,
vergessen wir für einige Augenblicke mal
die gute demokratische Erziehung,
die wir mit Prügelstöcken
und mit Gummiknüppeln, mit Panzerwagen
und mit Zuchthausparagraphen
bei euch genossen,
vergessen wir die heilige bürgerliche Ordnung
und jagen euch,
ihr nimmersattes Räuberpack, zum Teufel.
Das ist unser Herbstlied.

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Das verbotene Lied
von S. Kobayashi (ca. 1929)

Ich bin Bergarbeiter.
Meine Brust ist stark.
Ich fürchte nicht die Ausspe[….?],
Und nicht die Pinkertons.
Hundeschläger –
Dolch, Revolver –
Polizeizellen –
Was ist das schon?

Wir kennen den Schacht mit 35 Grad Hitze.
Unsere Zunge ist vertrocknet von Kohlenstaub.
Das ist nicht alles.
Das ist nicht alles.
Gasexplosionen.
Stürzende Loren.
Bruch des Förderseils.
Verschüttet im Stollen.
Steinschlag im Bohrloch.
Hungerlohn.
Bettlerhütten.
Auf uns wartet der Tod.
Wir sind Bergarbeiter.
Warum sollten wir den Tod fürchten!

Warum sollten wir den Tod fürchten?
Wir leben mit dem Tod zusammen.
Was könnten wir,
Wenn wir ihn fürchten würden.
Selbst in ein kleines Flugblatt
Legen wir unser ganzes Leben
Für die Brüder des ganzen Bergers.
Von Anfang an war ich Bergarbeiter,
Wie sollte ich den Tod fürchten.

Kameraden – hört auf zu arbeiten.
Geht auf die Straße.
Die Stelle, zu der wir gehen,
Ist die Stelle, zu der alle gehen.

Arme in Arme, die die Hämmer verlassen,
Sammeln wir uns unter der roten Fahne.
Demonstration!
Demonstration!
Wir marschieren durch den Morgen.
Demonstrieren – vorwärtsdrängen,
Bis zu unserm Platz.
Arm in Arm, ein fester Block.
Das Lied vom Maientage ist von der Regierung erlaubt.
Singt heute nicht das Lied, das wir immer singen können.
Singt laut das Lied der Revolution.
Heute ist Kampftag.
Heute ist Manövertag der Revolution!

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Über die Erde geht der Mensch
von Oskar Kanehl (ca. 1920)

Legt Ketten an unsere Hände.
Unser Mund wird singen.
Sperrt uns ein.
Wir werden befreit werden.
Tötet uns.
Wir werden auferstehen.
Über die Erde geht der Mensch.
Vor dem die Könige fliehen.
Die Throne stürzen.
Die bunten Uniformen und blanken Sterne zu Masken bleichen.
Die Bürger platzen.
Die Priester von den Kanzeln schleichen.
Die Generale sich erschießen.
Soldaten ihre Waffen wegwerfen.
Schwätzer stummen. Grenzpfähle umfallen.
Staaten zerbrechen.
Gewalt weicht.
Über die Erde geht der Mensch.
Nackt. Jung.
Gut. Liebend. Umarmend.
Sonne steigt. Segen blüht.
Folgt ihm nach. Schafft mit ihm. Fröhlich wie er.
Arbeit hebt an. Erde wird fruchtbar. Liebesbesät.
Alles ist unser. Ohne Besitz.
Teile mit mir.
Bruder Mensch.

Über den Autor:

Oskar Kanehl (1888, Berlin – 1929, Berlin)

Studierte Philosophie und Deutsch in Berlin, 1913/14 Herausgabe der Zeitschrift “Wiecker Bote”. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges Publikation von Antikriegsliteratur u.a. in der Zeitschrift “Die Aktion”, nach 1918 Tätigkeit für kommunistische Parteien und Organisationen. Herausgabe von mehreren Gedichtbänden in der Weimarer Republik. 1929 wählte er den Freitod in Berlin.

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