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Im Arbeiter-Theater
von Unbekannt (1921)

Hoch im Norden von Berlin
saßen Männer, Frauen, feiertäglich
in dem aufgeputzten Saal.
Da und dort ein Sonnenstrahl,
leuchteten der Mädchen helle Blusen.
Auf der Bühne quälten sich die Musen.

Aus des Alltags staubigen Gelassen,
aus dem grauen Einerlei der Gassen,
aus der Not, dem täglichen Verdienen
waren all die Hunderte erschienen.
Bleibt mir mit Ästethik und Moral!
Jeder sucht sich seinen Karneval.

Auf der Bühne trieben ihre Possen
Flittergolden Clown und Tänzerin.
Renkten sich die Beine und die Köpfe,
machten faule Witze, lahme Höpfe.
Doch das Publikum war jubelnd mit dabei,
lachte sich die Seele frisch und frei.

Eines nur konnt’ ich mir nicht erklären;
in der Pause, kurz, ein Zeitungstelegramm:
“14 Kommunisten sind verhaftet!”
Weckte weder Nüchternheit noch Scham.
Und die Szene ward zum Tribunal
für die Weitertollenden im Saal.

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Lasst eure Hämmer kreisen
von Michail Golodny (ca. 1920)

Tag und Nacht mein Hammer schwingt,
Schlaf ist mir schon lang entflohen.
Hammer saust, das Eisen springt
Und die Feuersbrünste lohen.

Jeder Schlag stürmt mächtig an,
Seht nur, wie das Dunkel zittert:
Und ich wachse, ein Titan,
Von den Kämpfen rot umwittert.

Sehr nur, sehr, mein Amboss tanzt
Und die Welt beginnt zu lodern.
Rebellion ist aufgepflanzt.
Könige und Kaiser modern.

In die Arbeit, Schlag auf Schlag,
Habe ich mich selbst geschmiedet.
Tausend Kämpfer stehen im Tag,
Denen mein Gesetz gebietet.

Das Gesetz im Niederfall
Meines Hammers auf das Eisen:
Hier und dort und überall
Müsst die Ketten ihr zerreißen.

Alter Schmied, erschöpft vom Kampf
Bist du müde, gibt den Hammer
Einem Jungen, Schlachtgestampf
Dröhnt, zu endigen den Jammer.

Hammer schwingt in uns’rer Faust!
Auf, wir wollen Schwerter schmieden.
Wie das Schmiedefeuer saust
Für den Krieg und für den Frieden!

Schlaf entschwand. Die Zukunft steht
Bei dem Feuer, bei dem Eisen.
Auf zur Arbeit. Flamme weht:
Lasset eure Hämmer kreisen!

Über den Autor

Michail Golodny (1903, Bachmut, Donezk – 1949, Moskau)

Michail Golodny war ein russisch-sowjetischer und jüdischer Dichter und Journalist, der für seine Gedichte, Lieder und Balladen über den Russischen Bürgerkrieg (1917-1922) Bekanntheit erlangte. Sein bürgerlicher Nachname war Epstein, den Künstlernamen “Golodny” (zu Deutsch: “Hunger”) wählte er nach seiner entbehrungsreichen Jugend. Nach der russischen Oktoberrevolution trat Golodny der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol bei und veröffentlichte erste Gedichte in lokalen Zeitschriften der KPdSU. Später ging er nach Moskau, wo er als Schriftsteller arbeitete. Im Zweiten Weltkrieg war Michail Golodny als Kriegskorrespondent für verschiedene sowjetische Zeitungen tätig. 1949 wurde er von einem Auto angefahren und verstarb kurz darauf in Moskau.

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Das Seifenlied
von Julian Arendt (1928)

Wir haben unsre Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder;
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum.
Wir seifen ein.
Wir waschen unsre Hände
Wieder rein.

Wir haben ihn gebilligt,
den großen heiligen Krieg.
Wir haben Kredite bewilligt,
weil unser Gewissen schwieg.

Dann fiel’n wir auf die Beine
und wurden schwarz-rot-gold.
Die Revolution kam alleine;
wir haben sie nicht gewollt.

Wir haben die Revolte zertreten
und Ruhe war wieder im Land.
Das Blut von den roten Proleten,
das klebt noch an unsrer Hand.

Wir haben uns’re Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder;
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum.
Wir seifen ein.
Wir waschen unsre Hände
Wieder rein.

Über den Autor

Julian Arendt (1895 – ?, 1938 – Berlin)

Julian Arendt war ein jüdischer Berliner Kabarettist und Kabarettautor. Einige seiner Revue-Songs wurden in den 1920er-Jahren zu Schlagern. Seine Polit-Songs, von Otto Stransky und Hanns Eisler vertont, wurden vor allem durch die Interpretation von Ernst Busch bekannt. Nach 1933 schrieb er unter dem Pseudonym “Hermann Flack” für die Zeitschrift “Katakombe” und leitete die Kabarettgruppe “Die Brücke”. Eine schwere Malaria führte 1938 zu seinem Tod.

Über den Text

Dieses Gedicht von Julian Arendt persifliert eine Episode aus den Reichstagswahlen 1928 in Deutschland, als die Berliner Sozialdemokraten Seifenstückchen mit dem Aufdruck “Wählt SPD!” auf ihren Kundgebungen verteilten. Der Text kritisiert vor allem die inkonsequente Haltung der SPD bei der Bewilligung der Kriegskredite im Jahr 1914 und die Hinhaltetaktik der Partei in der Weimarer Republik.