Jirí Wolker – Die schwere Stunde

Im Wiener Agis-Verlag erschien 1924 ein Gedichtband, der die Lieder des frühverstorbenen tschechischen Dichters Jiri Wolker (1900 – 1924) in deutscher Übersetzung enthält. Die schwere Stunde schöpft tief aus dem Leben und Leiden des arbeitenden Volkes. Jiří Wolker erzählt vom Kampf der Arbeiter, vom großen Traum einer anderen Welt, „der erst vernichtet werden muss, um sich zu erfüllen.“ So sind auch seine Gedichte, die nicht Träume bleiben wollen, Aufschreie, Weckrufe.



Jiri Wolker
„Ein Stück harten Lebens nur“

In einer Zeit allumfassender Zäsuren schrieb Jiří Wolker (1900 – 1924) revolutionäre Lyrik, bis ihn die „Proletarierkrankheit“ Tuberkulose aus seinem allzu jungen Dichterleben riss.

Nicht weniger als die Geburt einer neuen Welt bildet den Rahmen für das Werden und Schaffen des tschechischen Dichters Jiří Wolker. 1900 in bürgerliche Verhältnisse geboren, erlebte der Sohn eines Bankbeamten eine unbekümmerte Kindheit im mährischen Städtchen Prostějov. Gefördert von seiner kunstliebenden Mutter lernte er Klavier und Geige, komponierte Musik und verfasste Gedichte, zunächst noch erfüllt von der Stimmungs- und Gefühlsatmosphäre des sensiblen Bürgersohnes. Bis der Erste Weltkrieg begann und viele seiner Kindheitsfreunde nicht mehr vom Schlachtfeld zurückkehrten. Und Soldaten während des Krieges in seinem Heimatort das Feuer auf hungernde Demonstranten eröffneten – Resultat: 23 Tote, 80 Verletzte. Die Oktoberrevolution in Russland, die Gründung der ersten Tschechoslowakischen Republik und das Nachkriegselend katapultierten den empfindsamen, jugendlichen Jiří Wolker aus den wohlbehüteten Kindheitstagen in eine Zeit allumfassender Zäsuren.

Auf Wunsch des Vaters nimmt er im Alter von 19 Jahren das Studium der Rechtswissenschaften in Prag auf, doch sein wirkliches Interesse gilt den Vorlesungen der Philosophie und Literatur. Die tschechische Großstadt hinterlässt einen tiefen Eindruck: auf der einen Seite das prächtige Stadtbild mit den altehrwürdigen Gebäuden, imposanten Baudenkmälern und gemütlichen Kaffeehäusern, auf der anderen Seite das soziale Elend und die wirtschaftliche Not der Arbeiterfamilien in der Urbanität der Nachkriegszeit. In dieser Phase verfasst Wolker die Verse für „Der Gast im Haus“, sein erster Gedichtband, in dem er den Verwerfungen der Gegenwart im tolstoischen Sinne mit einem lauten Ruf nach universeller Liebe und Brüderlichkeit antwortet und das kollektive Dasein als beseelte Einheit zu begreifen sucht.

Die nächste Zäsur in Wolkers Leben lässt nicht lange auf sich warten: als im Mai 1921 aus dem linken Flügel der Sozialdemokratie die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei hervorgeht, tritt er aus der Kirche aus und wird selbst Kommunist. Sein lyrisches Werk reift in den folgenden Monaten schnell heran und lässt soziale Motive immer mehr in den Vordergrund treten. Beeinflusst von der Arbeiterliteratur des posthum zum Nationalkünstler erhobenen tschechischen Dichters Josef Hora (1891 – 1945) veröffentlicht er 1922 den Poesieband „Die Schwere Stunde“, welcher gemeinhin als sein Hauptwerk gilt. Wolkers poetischer Anspruch, „allerschwerstes Menschenlos“ durch sein „Herz gehen zu lassen“ und die „konkrete Veränderung einer konkreten Wirklichkeit“ anzustreben, kommt darin besonders intensiv zum Ausdruck. Den leidvollen Figuren seiner Balladen, angesiedelt im proletarischen Milieu, eröffnet der Dichter nicht nur das Reich des Untergangs, sondern immer auch eine Perspektive der Hoffnung: die soziale Revolution.

Exemplarisch dafür steht „Die Ballade vom Traum“, die vom Arbeiterjungen Jan handelt, welcher „trotz Sehnsucht und Leid“ das „Leben lieben“ will, um „die Welt wahr und gerecht abzuwiegen.“ Jan wird von einem nächtlichen Traum verfolgt, in dem es „keine Paläste und keine Mansarden“ gibt und „keine, die betteln, noch hungern, noch darben.“ Als sich der hellen, gerechten Traumwelt die trübe und graue Wirklichkeit gegenüberstellt, ist er „daran zu Tode erkrankt.“ Bis ihm seine Liebschaft Marie erklärt, er könne den Traum nur loswerden, indem er diesen verwirklicht. In diesem Moment reift Jan vom Jüngling zum Mann und beschließt: „Ich töte den Traum.“ Plakative Agitation sei nicht Sache des politischen Dichters; man brauche keine Gedichte über die Revolution, sondern revolutionäre Gedichte, hat Wolker einmal gesagt. Der Gedichtband „Die Schwere Stunde“ erscheint 1924 in einer deutschen Übersetzung von Lizi Schück, die 1941 im Ghetto Łódź ihr Leben verlieren sollte; eine weitere, ins Deutsche übertragene Gedichtsammlung Wolkers mit dem Titel „Ich wachse wie der helle Tag“ erschien 1971 im Reclam-Verlag in Leipzig.

Im Frühling 1922 tritt Wolker dem „Devětsil“ (dt. „Neunkräfte“) bei, einer Prager Vereinigung vorwiegend linksorientierter Schriftsteller und bildender Künstler. Für die von der Gruppe herausgegebene Zeitschrift „Proletkult“ schreibt Wolker programmatische Aufsätze über revolutionäre Kunst. Doch in der kurzen Zeit der scheinbaren Stabilisierung des Kapitalismus gerät die proletarische Literatur ins Schwanken. Der „Devětsil“ entwickelt sich vom Träger proletarischer Kunst zu einer Gruppe von Poetisten, deren Ziel eine weitgehend unpolitische, optimistische Betrachtung der Welt ist. Diesem „l’art pour l’art“ leistet Wolker entschiedenen Widerspruch: Kunst müsse tendenzhaft sein, sich für den revolutionären Kampf engagieren und dem Volk verständlich sein. Wegen seines Klassenstandpunktes wird Wolker selbst aus seinem Freundes- und Kollegenkreis angefeindet. Nachdem sich der poetistische Standpunkt durchsetzt, verlässt Wolker den „Devětsil“ knapp ein Jahr später und schreibt nun vermehrt Prosastücke. Das bekannteste ist ein Märchen über einen schwerkranken Millionär, der sich die Sonne vom Himmel in sein Schloss transportieren lässt; ihre Strahlen sollen ihn heilen, stattdessen verbrennen sie ihn bei lebendigem Leibe.

Mit dem Austritt aus dem „Devětsil“ verschlechtert sich Wolkers gesundheitlicher Zustand, eine Tuberkulose zwingt ihn von Prag zur Kur in die Hohe Tatra und auf die kroatische Insel Krk. Eine Genesung erweist sich bald als chancenlos. „Warum bin ich, Genossen, nicht bei euch? / Muss sterben hier, da ich doch fallen wollt?“, fragt er in einem seiner letzten Gedichte kurz vor seinem Tod, den er als „ein Stück harten Lebens nur“ begreifbar zu machen sucht. Im Jänner 1924 erliegt der junge Arbeiterdichter der „Proletarierkrankheit“ jener Zeit, der Tuberkulose.

Sein literarisches Schaffen schloss Jiří Wolker in den letzten Lebenstagen, dem Tod mutig ins Auge blickend, mit dem Epitaph: „Hier liegt der Dichter Wolker / der sich im Licht gesonnt und gegen Unrecht in den Kampf gezogen war. / Doch eh sein Herz er blank noch zieh’n gekonnt / starb er, jung vierundzwanzig Jahr.“ Seine Schaffenszeit, die sich von frühester Jugend bis zu seinem Tod ziehen sollte, währte gleichwohl nur wenige Jahre lang, schlug aber in der tschechischen Bevölkerung tiefe Wurzeln wie bei kaum einem anderen Dichter der Zwischenkriegszeit.

Autor: dj/proletkult