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Abschied von Lugano
von Pietro Gori (1895)

Auf Wiedersehen Lugano, du lieblich holdes Land,
unschuldig verstoßen, ziehen die Anarchisten fort.
Ziehen singend fort und voll Hoffnung das Herz.

Es ist für euch Ausgebeutete, für euch Arbeiter,
dass wir diese Fesseln tragen wie Verbrecher –
wennschon unser Gedanke jener der Liebe ist.

Ihr unbekannten Genossen, ihr Freunde, die ihr bleibt,
unsere Wahrheit, verbreitet tapfer sie weiter:
das ist die Rache, um die wir euch bitten.

Doch ihr, die ihr bösartig lügt, um uns zu vertreiben,
Burgeoise Republik, eines Tages wirst du voller Scham,
heut schon klagen wir dich an, im Angesicht der Zukunft.

Als Verbannte ziehen wir ohne Ruh’ durch die Länder
um den Frieden zu predigen und den Krieg auszurufen:
Frieden den Unterdrückten, Krieg den Unterdrückern!

Helvetia, deine Regierung macht sich zum Sklaven;
der mutigen Menschen Traditionen verletzt sie
und missachtet die Legende deines Wilhelm Tell.

Auf Wiedersehen, Genossen, Freunde von Lugano,
Auf Wiedersehen, weißer Schnee, Tessiner Berge;
die wandernden Ritter ziehen nun weiter gen Norden.

Vom Italienischen ins Deutsche übersetzt von: dj/proletkult

Über den Autor:

Pietro Gori (1865, Messina, Sizilien – 1911, Portoferraio, Elba)

Pietro Gori war ein italienischer Jurist, Journalist und Dichter. Er ist bekannt als Autor einiger der bekanntesten Lieder der anarchistischen Bewegung in Italien. Aufgrund seiner politischen Tätigkeit unter staatlicher Überwachung stehend, war er 1894 zur Emigration nach Lugano in die Schweiz gezwungen, um einer fünfjährigen Gefängnisstrafe zu entgehen. In Lugano wurde er (zusammen mit 17 anderen Anarchisten) im Januar 1895 verhaftet und des Landes verwiesen. Während dieser Haftzeit schrieb Gori das Lied “Addio a Lugano” (“Abschied von Lugano”). Nach mehreren Reisen und Aufenthalten in Deutschland, Belgien, London und New York konnte er 1898 nach Italien zurückkehren, war aber kurz darauf erneut zur Flucht gezwungen. Erst nach einer Amnestie konnte Pietro Gori 1902 nach Italien zurückkehren, wo er weiter seiner politischen Arbeit nachging. Er verstarb am 8. Januar 1911 in Portoferraio auf der zur Toskana gehörenden Insel Elba.