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An die Geduld
von Sándor Petőfi (ca. 1845)

O Geduld, der Schaf und Esel
Vielgepries’ne Tugend du –
Soll denn ich auch noch dich erlernen?
Fahr dem Grund der Hölle zu!

Wirst du, durch das Land als Bettler,
Zufluchtsort begehrend ziehn –
Geh, nie wird in meinem Herzen
Dir ein Aufenthalt verliehn!

Und wenn du als ein Erobrer
Sieggekrönt durchziehst die Welt,
Soll mein Herz dem Felsen gleichen,
Der sich dir entgegenstellt.

Leergedroschnes Stroh, Geduld, du,
Jene dich als Ähr’n voll Frucht
Feil den dummen Menschen bieten,
Die dein Korn herausgesucht!

Du… wie soll ich dich benennen?
Dich, Geduld, stoß ich zurück,
Denn, wo dein Bezirk beginnet,
Hat ein Ende jedes Glück!

Glücklich könnte sein die Erde,
Wärest du nur nicht darauf,
Und so lang du bleibst, nimmt alles,
Seinen alten, schlimmen Lauf.

Über den Autor

Sándor Petőfi (1823, Kiskőrös – 1849, bei Segesvár)

Der ungarischer Dichter Sándor Petöfi gilt als Held des antihabsburgischen Freiheitskampfs der Ungarn von 1848, an dem er aktiv teilnahm. 1844 erschien seine erste, 1846 die zweite Gedichtsammlung. Während des Pester Aufstandes im März 1848 spielte Petöfi eine Schlüsselrolle, seine Kandidatur für den Reichstag scheiterte jedoch. Er war Sprecher der revolutionären Demokraten und lehnte den ungarischen Kompromiss mit Habsburg ab. Am 15. Oktober 1848 wurde er Hauptmann in Debrecen. Am 31. Juli 1849 erreicht er die mit den Russen im Kampf stehenden ungarischen Truppen. Kurz darauf verschwand er auf dem Schlachtfeld von Segesvár (Siebenbürgen), seine Leiche wurde nie gefunden.

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