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Appell (Auszug)
von Erich Mühsam (ca. 1925)

Ihr habt euch geplagt, und euch plagte die Not,
Und Plage war, was das Leben euch bot.
Ihr littet, ihr fluchtet, ihr hofftet, ihr sannt,
Bis ihr den Grund zu begreifen begannt,
Bis ihr gelernt, warum Weib, warum Kind
Bei eurem Fleiße so elend sind.
Und ihr fragtet ins Herz euch: muss das so sein?
Und ihr wusstet die Antwort, die Antwort hieß: Nein!
Und Lehrer und Weise brachten euch Rat.
Ihr erkanntet euch selbst: wir Proletariat!
Und Kampflust gebar sich aus Hunger und Groll.
Ihr spürtet, wie euch der Muskel schwoll;
Und ihr schriet in die Welt mit gewaltigem Ton:
Ihr Fürsten seid Mörder! Herunter vom Thron!
Ihr Priester, herab von den Kanzeln! Ihr logt!
Heraus aus der Werkstatt, du Sklavenvogt!
Wir waren Knechte die längste Zeit,
Die Stunde ist da, wo das Volk sich befreit.
Die Kette zerreißt, die den Willen uns band.
Uns Brot und Maschinen! Uns Freiheit und Land!
Doch ihr plagtet euch weiter, euch plagte die Not,
Und dem Herrn blieb das Land, die Maschine, das Brot.
Noch immer darben euch Weib und Kind,
Und ihr wisst doch, warum sie so elend sind,
Noch nie war der Jammer so groß und das Leid;
Und ihr wisst doch, dass ihr die Stärkeren seid;
Und ihr wisst doch, ihr Volk, ihr Proletariat:
Die Zukunft der Menschheit harrt eurer Tat!

Über den Autor:

Erich Mühsam (1878, Berlin – 1934, KZ Oranienburg)

Erich Mühsam war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller und Aktivist. 1919 war Mühsam an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach fünf Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik war er in der Roten Hilfe aktiv. 1933 wurde Erich Mühsam von den Nazis verhaftet und in das KZ Oranienburg deportiert. Dort wurde er am 10. Juli 1934 von SS-Soldaten ermordet.