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Aus dem neuen Russland
von Unbekannt (1931)

Das Staubtuch ist weg, der Besen ist hin,
Ich heiß’ nicht mehr Frau, heiße Bürgerin.
O nehmt euch, ihr Frauen, ein Beispiel an mir,
Mein Jüngster ist Säugling und schon “Pionier”.

Wir haben den Pfaffen bereits abgebaut,
Uns beide hat nur der Beamte getraut.
Die Körperkultur uns Erneuerung bringt,
Ich geh’ ungepudert, ich geh’ ungeschminkt.

Wer trägt noch die Hände mit Ringen verziert?
Wer hat noch die Fratze mit Farbe verschmiert?
Ein Mann, der zur Frau als Genossin nicht spricht,
Bleibt Junggeselle, den heiratet nicht!

Über den Text

Dieser Text erschien 1931 in der deutschen Tageszeitung “Die Rote Fahne” und zeichnet ein anschauliches Bild der neuen Frauenrolle im ersten sozialistischen Staat der Welt. Das kommunistische Ideal sah den Lebensmittelpunkt der Frau nicht mehr hinter dem Herd, sondern im poltischen Kampf um gesellschaftlichen Fortschritt. Das Verhältnis zwischen Frau und Mann sollte dabei partnerschaftlich und von Sachlichkeit durchzogen sein. Während die weibliche Rolle in der Gesellschaft des zaristischen Russlands weitgehend auf Kinder und Küche beschränkt war, schuf die russische Oktoberrevolution die Grundlage für die gesetzlich verankerte Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Der erste sozialistische Staat der Welt schuf Kinderhorte und Mutterberatungsstellen, ermöglichte die kostenlose medizinische Abtreibung und gestaltete Familienbeziehungen völlig neu. Wenn auch alte Rollenbilder nicht komplett überwunden wurden bzw. werden konnten, rissen die Frauen in und nach der russischen Oktoberrevolution viele gesellschaftliche Stereotype nieder.