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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Ballade von den Augen des Heizers
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Rudolf Fuchs vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Stumm die Fabriken all‘, ruhig die Häuserfront,
Reglos entschliefen die Sterne beim hellen Mond,
Und in der ganzen Stadt hält in der späten Zeit,
Einzig ein Haus nur noch auf, seine Augen weit,
Feurige Augen, die lichterloh rufen,
Dass drin, inmitten von Kesseln, Maschinen und Stangen und Stufen,
Der Arbeiter Muskeln sich Eisen mit Eisen verstraffen,
Um ihre Hände und Augen in Licht umzuschaffen.

„Anton, Heizer des Elektrizitätswerkes,
Leg‘ zu!“

Anton, heute wie vor fünfundzwanzig Jahren,
Lockert die Tür, sie gibt kreischenden Laut,
Glühende Flammen im Luftzug auffahren,
Es grüßt ihn die Esse, die feurige Braut.
Mit Händen, de längst keine Flamme mehr scheuen,
Hebt er die Schaufel, die Glut zu erneuen,
Und da ihn das Licht um Erlösung bittet,
Hat er zur Kohle immer ein Stück seiner Augen geschüttet,
Und die hellen Augen, wie blaue Vergissmeinnicht,
Wandern in Drähten, die weithin entwischen,
In den Kaffees, im Theater erstrahlen sie, jubelndes Licht,
Aber am liebsten über Familientischen.

„Genossen, Arbeiter ihr vom Werk,
Ich hab‘ eine komische Frau,
Wenn ich ihr in die Augen schau‘,
Weint sie und fragt fort, was in mich gefahren,
Ich hätte ganz andere Augen als damals vor Jahren.
Als sie mit mir einst zur Kirche gegangen,
Waren sie groß und schön wie zwei Brote,
Jetzt aber sei’n sie auf meinen Wangen
Wie Reste am Teller, wie tote.“

Da lachen sie alle, auch Anton muss lachen;
Inmitten der Nacht ist’s wie ein Erwachen,
Da sie nun kurz ihrer Frauen gedenken,
Die heimlich oft dachten in kindlicher Weise,
Der Mann hätte doch nur sich ihnen zu schenken.

Und wieder wie einst vor fünfundzwanzig Jahren,
Öffnet heut Anton die eiserne Tür.
Schwer ist’s, die Wahrheit der Frau zu erfahren,
Anders begreift sie, doch glaubet ihr!
Die Blüten der Augen, fast ohn‘ es zu wissen,
Wirft er zur Kohle, es ist wie ein Müssen,
Denn stets will der Mann seine Straße verlassen,
Die Welt in der Mitte zwischen seine weiten Augen fassen,
Und wie Sonne und Mond aus beiden Blicken
In ihre Tore Mai und Ernte schicken.

Und plötzlich fühlt der Heizer, ungeheuer
Sind fünfundzwanzig Jahr beim Kesselfeuer,
Da ihm ein Messer heiß die Augen schnitt!
Nun wusste er, dass er zum Tode schritt,
Und schrie unendlich über alle Nacht und alle Flur:
„Genossen, Leute ihr vom Werk,
Blind bin ich – seht mich nur!“

Liefen sie schnell herbei,
Bebten am ganzen Leib,
Zwischen zwei Nächten sie
Führten ihn heim zum Weib.
An der Schwell‘ der einen Nacht,
Fühlt er Himmel schimmern.

„Anton, Lieber,
Du warst mein ganzes Glück,
Ach, warum kehrst du mir
Also ins Haus zurück!
Ach, warum ließest du
Ein dich mit diesem Ding,
Weibsbild mit Stahlnatur,
Feuer und Ofenring!
Zwischen zwei Lieben hier
Muss der Mann wandern,
Tötet die eine und
Stirbt an der andern.“

Nichts hörte der Blinde – die Tiefe umfängt ihn schon,
Dunkel umarmt ihn, Dunkel umhängt ihn schon,
Und sein verletztes Herz steigt aus der Brust geschwind,
Dass es in weiter Welt andre Verbände find‘.
Doch über der schwarzen Finsternis eine Lampe schimmert ferne,
Das ist keine fröhliche Lampe – es sind Augensterne,
Es sind deine Augen, die der ganzen Welt sich gegeben,
Damit sie zu klarst alles sehen und nie aufhören zu leben,
Du bist es, Heizer, der hoch über gemarterte Leiber gestiegen,
Nun schaust du auf dich herab, magst du auch erblindet hier liegen.

Der Arbeiter muss sterben,
Der Arbeit wachsen Schwingen,
Die Seel‘ aushaucht Anton,
Das Licht hört man singen:

Still, mein Weib – still, mein Weib,
Wein‘ nicht!