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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Begegnung
von Jiří Wolker

Information


Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Mein reines Lieb,
Funkelnder Stern über’m See!
Schwer drückt mich heute die Nacht.
Sie hat ein Mühlrad gebracht,
Um es mir auf den nackten Hals zu binden.
So tief bin ich versunken
Zum Grund der Straße, wo entgegenwinkt
Ruhe dem Gescheiterten verheißend das rote Licht
Der Weinstube Finale.

Die erste Dirne kommt, bringt mir Kaffee,
Die zweite Dirne kommt und streichelt mir das Haar
Und als die dritte kam und mich küsste,
Merkte ich, wie sie dir, Liebste, ähnlich war.

Ich sah tief unterm Wasser dein Ebenbild,
Du leuchtender Stern über dem See,
Deine Wimpern, Augen, die man nie vergisst,
Nur warst du durchdrungen von Finsternis.
Und du hast auch die Lippen zum Lächeln verzogen.
Da ist kein Flattervogel zu mir geflogen,
Es war ein Strom von Eiterbeulen, für den im Körper kein Platz.

Mensch, Weib!
Mein geläutertes Lieb!
Deine Doppelgängerin fragt mich schmerzlich,
Wer weiß, ob wir unser Leben tragen allein,
Ob der Stern über’m See – es kann ja sein –
Nicht aus schlammigen Wurzeln sprießt?
An dich denke ich, die du dein Lächeln erlebst,
Und blicke sie an, die dein Weinen erlebt.

Die Dirne küss‘ ich.
Sie weiß nicht, warum.
Sie weiß nicht, dass dein Leid sie ertragen muss.
Sag, Lieb, war wohl genügend glühend mein Kuss
Für dieses Weib,
Das für dein Glück, unser Glück
Sein eigenes im See ertränkt?