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Bescheidenheit
von Unbekannt (ca. 1922)

“Immer bescheiden”, heißt: Immer entbehren,
Immerfort leiden, nimmer sich wehren,
Immerfort dulden, dass du geknechtet,
Nimmermehr murren, weil du entrechtet,

Stets vor den Herren im Staube liegen,
Immer noch tiefer den Nacken biegen,
Um ein Stück Brot Junkerstiefeln küssen,
Zu aller Gewalttat schweigen müssen,

Sein eignes Fleisch in Schande sehen,
Doch niemals gen Kapital aufstehen,
Nichts zu besitzen, die Blößen zu decken,
Dieweil sich andre in Pelzen recken,

Schwere Stahlketten an Händen und Füßen,
Während andre das Leben genießen,
Im dunklen Winkel vor Hunger verrecken,
Indessen andre Delikatessen schlecken;

“Immer bescheiden”, die Pfaffen lehren,
“Immer bescheiden”, die Junker schwören.
Bescheidenheit! Welch Hohn! Der Pfaff und Junker lügt!
Ein Narr, der ewig immerfort dem Wort sich fügt!