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Besiegt – nicht überwunden!
von Karl Liebknecht (1918)

Ob sie uns auch zerbrechen –
Sie beugen uns doch nicht –
Und eh’ der Tag vergangen,
Steh’n wir frisch aufgericht’.

Von tausend Niederlagen
Erheben wir uns frei
Zu immer kühner’m Schlagen,
Zu immer fest’rer Reih’.

Ob sie die Flamm’ ersticken,
Der Funke heiß sich regt
Und über Nacht zum Himmel
Die neue Flamme schlägt.

Und ob das Ziel, das hohe,
Entwichen scheint und fern,
Es kommt der Tag, der frische,
Wir trauen unserm Stern.

Die Gegenwart mag trügen,
Die Zukunft bleibt uns treu –
Ob Hoffnungen verfliegen,
Sie wachsen immer neu.

Aus Nichts wird Alles werden,
Eh’ sie es noch gedacht,
Trotz ihrer Machtgebärden,
Wir spotten ihrer Macht.

Bald werden sie zerstieben
Wie Gischt am Felsenrand,
Schon winkt aus Nebeltrüben
Das heiß ersehnte Land.

Es gibt auf Erdenrunden
Nichts, was uns zwingen kann:
Kein Gift und keine Wunden,
Kein Teufel und kein Bann!

Über den Autor:

Karl Liebknecht (1871, Leipzig – 1919, Berlin)

Karl Liebknecht zählte im frühen 20. Jahrhundert zu den bedeutendsten politischen Aktivisten der linksradikalen Arbeiterbewegung. Im Reichstag des Deutschen Kaiserreiches vertrat er ab 1912 den linksrevolutionären Flügel der Sozialdemokratischen Partei, bis er 1916 aufgrund seiner Ablehnung der Burgfriedenspolitik aus der Partei ausgeschlossen und wenig später wegen “Kriegsverrats” zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde er freigelassen. Während der Novemberrevolution in Deutschland rief Liebknecht im November 1918 vor dem Berliner Schloss eine “freie sozialistische Republik” aus. Zum Jahreswechsel 1918/19 gründete Karl Liebknecht gemeinsam mit Rosa Luxemburg und anderen die Kommunistischen Partei Deutschlands. Kurz nach der Niederschlagung des Berliner Januaraufstands wurden er und Luxemburg von regierungstreuen Soldaten ermordet.