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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Das Meer
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Rudolf Fuchs vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

An der Küste der Insel Cherso, entlang der steinigen Bucht,
Hab ich das Meer sechst traurige Tage gesucht
Und hab das Meer nicht gefunden – ich sah einen Vogel bloß,
Wie er gewellten Fittichs davonflog riesengroß,
Bis er den Mond erreicht und müd vom langen Flug
Herab zwischen Uferfelsen mit silbernem Singen schlug,
Mit Singen, das betörend mir in den Ohren lag,
Das Meer, das sei der Vogel, bei Nacht sowie bei Tag,
man müsse sich auf Erden wie auf der Au ergeh’n,
das Aug brauch‘ nur zu schwelgen, dann werde man auch seh’n.

Bei Nacht sah ich im Strandhospiz die Fenster still aufgehen
Und hinter jedem blass ein Mädchen stehen
Und jedes Mädchen glaubt‘ ihr Meer sich zu erschließen,
Um sich mit krankem Blick darüber zu ergießen,
Mit Augen, die die Welt längst nicht als Brot mehr achten,
Nur als Arznei sie noch im Kugelglas betrachten.
Die Augen hab ich wohl, die Meere wohl erkannt
Und dennoch blieb ich blind, ein Fremder in dem Land.
Zu wenig gilt mir Schaum und Traum zu dieser Frist,
Ich wollt erkennen mehr, wollt kennen was, was ist,
Das Meer, das wirkliche, das mit mir und ohne mich wuchtet,
Dalmatiens Felswände schlägt und seine Flachküsten buchtet.

An der Küste der Insel Cherso, entlang der steinigen Bucht
Hab ich das Meer sechs traurige Tage gesucht
Und hab das Meer nicht gefunden, denn keusch flüchtet die Welt,
Wenn mit verweichlichter Hand ihrem Leib jemand nachstellt,
In einen gemalten Sarg, leblosen Kulissentand,
Dieweil an geweihterem Ort sie sich froh zum Leben ermannt.

Erst am siebenten Tag, als die Glocke dröhnt‘ an mein Ohr,
Trat ich Trunkener taumelnd aus den eigenen Augen hervor,
Nicht mehr als Badegast – ein Arbeiter, welcher kam
Sonntags die Stadt sich beseh’n, heiter und mitteilsam.
Da ward mir auch abends im Wirtshaus nahe am Quai
Der Anblick des wirklichen Meeres zuteil aus der Näh,
Als über die Eichentische ich sah bei dem rötlichen Licht
Euch, Seeleute, Lotsen und Fischer, ins klare Gesicht,
Euch, mit der Knotenfaust, mit löchrigem Trikot,
Die ihr mit Stürmen haust und trägt die Erde froh,
Euch, ewige Arbeiter, vom Sonnenbrand geweiht,
Die ihr das Meer erschafft und aus ihm erschaffen seid.

Spiel auf, krächzendes Ariston, mich freut’s, deine Stimme zu hören,
Denn aus fünf Kontinenten sind hier Tänzer von allen Meeren,
Am glücklichsten aber bin ich, der wohlgelitten den Herztakt aller Tanzenden schlägt,
ich setze Schwielen an, wie ein Baum Früchte trägt,
Ich bin Matrose, Lotse und Fischer, ich lösche im Hafen das Gut,
in tausend Booten befahr ich das Meer und noch immer winkt mir die Flut,
Nicht mit zweien, mit tausend Händen hab ich das Meer bestellt,
Nicht mit zweien, mit tausend Händen ergreif ich Besitz von der Welt.

Leg los, krächzendes Ariston, geheiligter Vogel der Meere,
Die Welt sind nur die, die sie nähren, damit auch sie uns ernähre,
das Meer, das sind wir, mit Muskeln wie Wellen, Arbeiter aus allen Breiten,
Wir, einzige Wirklichkeit, wirklichste der Wirklichkeiten!

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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Ballade von den Augen des Heizers
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Rudolf Fuchs vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Stumm die Fabriken all‘, ruhig die Häuserfront,
Reglos entschliefen die Sterne beim hellen Mond,
Und in der ganzen Stadt hält in der späten Zeit,
Einzig ein Haus nur noch auf, seine Augen weit,
Feurige Augen, die lichterloh rufen,
Dass drin, inmitten von Kesseln, Maschinen und Stangen und Stufen,
Der Arbeiter Muskeln sich Eisen mit Eisen verstraffen,
Um ihre Hände und Augen in Licht umzuschaffen.

„Anton, Heizer des Elektrizitätswerkes,
Leg‘ zu!“

Anton, heute wie vor fünfundzwanzig Jahren,
Lockert die Tür, sie gibt kreischenden Laut,
Glühende Flammen im Luftzug auffahren,
Es grüßt ihn die Esse, die feurige Braut.
Mit Händen, de längst keine Flamme mehr scheuen,
Hebt er die Schaufel, die Glut zu erneuen,
Und da ihn das Licht um Erlösung bittet,
Hat er zur Kohle immer ein Stück seiner Augen geschüttet,
Und die hellen Augen, wie blaue Vergissmeinnicht,
Wandern in Drähten, die weithin entwischen,
In den Kaffees, im Theater erstrahlen sie, jubelndes Licht,
Aber am liebsten über Familientischen.

„Genossen, Arbeiter ihr vom Werk,
Ich hab‘ eine komische Frau,
Wenn ich ihr in die Augen schau‘,
Weint sie und fragt fort, was in mich gefahren,
Ich hätte ganz andere Augen als damals vor Jahren.
Als sie mit mir einst zur Kirche gegangen,
Waren sie groß und schön wie zwei Brote,
Jetzt aber sei’n sie auf meinen Wangen
Wie Reste am Teller, wie tote.“

Da lachen sie alle, auch Anton muss lachen;
Inmitten der Nacht ist’s wie ein Erwachen,
Da sie nun kurz ihrer Frauen gedenken,
Die heimlich oft dachten in kindlicher Weise,
Der Mann hätte doch nur sich ihnen zu schenken.

Und wieder wie einst vor fünfundzwanzig Jahren,
Öffnet heut Anton die eiserne Tür.
Schwer ist’s, die Wahrheit der Frau zu erfahren,
Anders begreift sie, doch glaubet ihr!
Die Blüten der Augen, fast ohn‘ es zu wissen,
Wirft er zur Kohle, es ist wie ein Müssen,
Denn stets will der Mann seine Straße verlassen,
Die Welt in der Mitte zwischen seine weiten Augen fassen,
Und wie Sonne und Mond aus beiden Blicken
In ihre Tore Mai und Ernte schicken.

Und plötzlich fühlt der Heizer, ungeheuer
Sind fünfundzwanzig Jahr beim Kesselfeuer,
Da ihm ein Messer heiß die Augen schnitt!
Nun wusste er, dass er zum Tode schritt,
Und schrie unendlich über alle Nacht und alle Flur:
„Genossen, Leute ihr vom Werk,
Blind bin ich – seht mich nur!“

Liefen sie schnell herbei,
Bebten am ganzen Leib,
Zwischen zwei Nächten sie
Führten ihn heim zum Weib.
An der Schwell‘ der einen Nacht,
Fühlt er Himmel schimmern.

„Anton, Lieber,
Du warst mein ganzes Glück,
Ach, warum kehrst du mir
Also ins Haus zurück!
Ach, warum ließest du
Ein dich mit diesem Ding,
Weibsbild mit Stahlnatur,
Feuer und Ofenring!
Zwischen zwei Lieben hier
Muss der Mann wandern,
Tötet die eine und
Stirbt an der andern.“

Nichts hörte der Blinde – die Tiefe umfängt ihn schon,
Dunkel umarmt ihn, Dunkel umhängt ihn schon,
Und sein verletztes Herz steigt aus der Brust geschwind,
Dass es in weiter Welt andre Verbände find‘.
Doch über der schwarzen Finsternis eine Lampe schimmert ferne,
Das ist keine fröhliche Lampe – es sind Augensterne,
Es sind deine Augen, die der ganzen Welt sich gegeben,
Damit sie zu klarst alles sehen und nie aufhören zu leben,
Du bist es, Heizer, der hoch über gemarterte Leiber gestiegen,
Nun schaust du auf dich herab, magst du auch erblindet hier liegen.

Der Arbeiter muss sterben,
Der Arbeit wachsen Schwingen,
Die Seel‘ aushaucht Anton,
Das Licht hört man singen:

Still, mein Weib – still, mein Weib,
Wein‘ nicht!

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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Liebende
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Viel Häuser sah ich, Häuser aus Stein
Mit Südblumenkränzen.
So nah bei meiner Brust lag der Busen dein,
Ich fühlte den Takt unserer Herzen.

Der Mondstrahl ist heut viel zu breit,
Dringt zwischen unsere Körper kaum.
Die ganze Welt, zu groß ist sie nicht
In unserer Umarmung findet sie Raum.

Auf unseren Herzen stehen Fabriksirenen,
Die Nacht wird zerrissen, grell tönen sie.
Nach dir streckt sich die Hand aus allzu großem Sehnen,
Doch hundert hartkantige Sachen verwunden sie.

Hundert hartkantige Sachen aus Blut geschaffen und Steinen:
Wir Zauber irrender Felsen die Wunderblüten bindet.
Glaubst du, dass meine Faust sie doch noch zu Kränzen windet?
Wartest du, bist die Zeit nahe, dich mit der Welt zu umarmen?