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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Abfahrt
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Die Bahnhofgegend
Wird von jedem Zug in weite Fernen getragen.
Daher spiegelt ihr Auge nur,
Das Leid des Fremden Heimatlosen.

Hoch liegt die Station auf Felsen überm Kai.
Traurig bin ich.
Weil ich sie jetzt und dann nicht wieder seh‘.

Möglich, dass ich zu tief hab‘ eingepackt,
In einer kleinen Muschel, das ganze große Meer.
Und ganz zu oberst legt ich, versteckt in Rosen,
Der ganzen großen Liebe Lust, Schmerzen und auch Kosen,
Doch wollt ich jetzt sie sehen, und freudig sie erfassen,
Ich fände sie wohl nicht, ich müsst sie drinnen lassen.

Bahnhof, du trauriger Ort!
Der Zug ist noch nicht da, mich trägt schon lange fort
Die Nacht im schwarzen Wagen mit Sternenfensterlicht.
Küss nicht Geliebte, den, der weit von dir entfernt!
Beim Abschiednehmen sind schon lange wir getrennt.
Du streckst die Hand mir nach, erreichen kannst sie nicht.

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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Treulose
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Schwarze Augen hatte sie.
Ein junges Herz hatte sie.
Sie versprach treu zu bleiben,
Dann mussten sie scheiden.

Zum Meeresstrand
Schäumen zusammen die Wellen,
Aber die treue Geliebte
Ist ohne Gesellen.

Wandelst in Erinnerung weit
Kommst doch nicht zum Ziel,
Liebe ist auch Leib
Und nicht nur treue Augen.

Täglich am weißen Riff,
Geht ein blasses Weib spazieren.
Auf einem weißen Schiff
Segelt ein brauner Matrose.

Seine Augen sind Stahl,
Sein Anker ist aus Eisen,
Geankert hat er,
Als er sie sah.

Zwei Nächte quält sie sich,
Zwei Nächte kniet sie und weint,
Die dritte Nacht
Der Totenvogel am Fensterbrett schreit.

Er schreit und fliegt
Grad über’s Herz ihr hin,
Im Herzen starb,
Der früher war darin.

Es starb mit ihm die Treue,
Die einst er von ihr nahm.
Auf ihrer Brust der Matrose
Die dritte Nacht schon lag.

Auf der Brust, auf zwei weißen Wellen
Von steter Brandung bewegt
Den Wunsch, friedlich zu träumen,
Doch wirklich niemand hegt.

Denn das Herz gehört
Euch nicht, ihr Fremden.
Das Frauenherz ist
Die Nacht mit allen Sternen.

Und wenn es gehören soll
Jemandem in Ewigkeit –
Dann nur der Nacht allein.

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Mirogoj
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Es war am Mirogoj. Ich habe deutlich gefühlt,
Wie vom Auge sich löst die südliche gütige Welt.
Im Agramer Friedhof sind tausend Kreuze aufgestellt,
Und tausend Kreuze sind es, die ich im Auge behielt.
Die hölzernen Kreuze sind gleich, so gleich
Wie der Tod der Soldaten im Feld.

Gefesselte Hände zu Holzkreuzen geschlagen
Vermochten mich zu entführen, in die Ferne zu tragen,
Und so bin ich unter der Erde mit einem Heer marschiert.
Über dem kalkbegossenen Grab verwelken leise die Namen
Aller, deren Leiber im Weltkrieg umkamen.
Da wurde ich plötzlich von einer Frage berührt;
Denn jeder Tote wendet sich flehend mir zu
Und Fragen aus jedem Leichnam hallen:
„Lebendiger Bruder, du,
Sag‘, wofür sind wir gefallen?“

Mit der Blüte greift die Wurzel nach Sonnenschein.
Der Tote im Lebendigen erfährt, warum er fiel.
Man kann für alles in der Welt Kämpfer sein,
Doch nicht für alles setzt man dem Leben ein Ziel.
Russen, Deutsche, Tschechen, Franzosen, umfangen von Todesgraus,
Eure Erbschaft: Blut und Grab, in meinen Händen liegt.
Ich flehe daher, dass aus meiner Faust
Sie zu Brot und Wein erblüht.
Und eure Frage, schwere feierliche Glocke
Will ich sehr hoch in meinem Herz erheben.
Weil Gott es will, will ich Lebendiger mit Lebendigen leben
Eure lebendige Frage – Ihr Toten an allen Fronten der Welt.