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Das verbotene Lied
von S. Kobayashi (ca. 1929)

Ich bin Bergarbeiter.
Meine Brust ist stark.
Ich fürchte nicht die Ausspe[….?],
Und nicht die Pinkertons.
Hundeschläger –
Dolch, Revolver –
Polizeizellen –
Was ist das schon?

Wir kennen den Schacht mit 35 Grad Hitze.
Unsere Zunge ist vertrocknet von Kohlenstaub.
Das ist nicht alles.
Das ist nicht alles.
Gasexplosionen.
Stürzende Loren.
Bruch des Förderseils.
Verschüttet im Stollen.
Steinschlag im Bohrloch.
Hungerlohn.
Bettlerhütten.
Auf uns wartet der Tod.
Wir sind Bergarbeiter.
Warum sollten wir den Tod fürchten!

Warum sollten wir den Tod fürchten?
Wir leben mit dem Tod zusammen.
Was könnten wir,
Wenn wir ihn fürchten würden.
Selbst in ein kleines Flugblatt
Legen wir unser ganzes Leben
Für die Brüder des ganzen Bergers.
Von Anfang an war ich Bergarbeiter,
Wie sollte ich den Tod fürchten.

Kameraden – hört auf zu arbeiten.
Geht auf die Straße.
Die Stelle, zu der wir gehen,
Ist die Stelle, zu der alle gehen.

Arme in Arme, die die Hämmer verlassen,
Sammeln wir uns unter der roten Fahne.
Demonstration!
Demonstration!
Wir marschieren durch den Morgen.
Demonstrieren – vorwärtsdrängen,
Bis zu unserm Platz.
Arm in Arm, ein fester Block.
Das Lied vom Maientage ist von der Regierung erlaubt.
Singt heute nicht das Lied, das wir immer singen können.
Singt laut das Lied der Revolution.
Heute ist Kampftag.
Heute ist Manövertag der Revolution!

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Über die Erde geht der Mensch
von Oskar Kanehl (ca. 1920)

Legt Ketten an unsere Hände.
Unser Mund wird singen.
Sperrt uns ein.
Wir werden befreit werden.
Tötet uns.
Wir werden auferstehen.
Über die Erde geht der Mensch.
Vor dem die Könige fliehen.
Die Throne stürzen.
Die bunten Uniformen und blanken Sterne zu Masken bleichen.
Die Bürger platzen.
Die Priester von den Kanzeln schleichen.
Die Generale sich erschießen.
Soldaten ihre Waffen wegwerfen.
Schwätzer stummen. Grenzpfähle umfallen.
Staaten zerbrechen.
Gewalt weicht.
Über die Erde geht der Mensch.
Nackt. Jung.
Gut. Liebend. Umarmend.
Sonne steigt. Segen blüht.
Folgt ihm nach. Schafft mit ihm. Fröhlich wie er.
Arbeit hebt an. Erde wird fruchtbar. Liebesbesät.
Alles ist unser. Ohne Besitz.
Teile mit mir.
Bruder Mensch.

Über den Autor:

Oskar Kanehl (1888, Berlin – 1929, Berlin)

Studierte Philosophie und Deutsch in Berlin, 1913/14 Herausgabe der Zeitschrift “Wiecker Bote”. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges Publikation von Antikriegsliteratur u.a. in der Zeitschrift “Die Aktion”, nach 1918 Tätigkeit für kommunistische Parteien und Organisationen. Herausgabe von mehreren Gedichtbänden in der Weimarer Republik. 1929 wählte er den Freitod in Berlin.

Weitere Texte von Oskar Kanehl:

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Die Drei
von Theobald Tiger (ca. 1924)

Den Gutsherrn mit den fetten Backen,
den Ringen und dem Speck am Nacken,
mit Haus und Hof und mit Gesinde,
mit junger Frau und gut genährtem Kinde;
den Gutsherrn mit dem Schloss in Fliederranken,
mit der Pension und seinem Konto auf den Banken,
mit seinem Sekt –

Den Unternehmer, der die tiefen Schächte
ausraubt nach eig’nem, freien Rechte,
der Herr ist über tausend Leben,
dem tausend Räder Ware weben –

Doch den, der mit den harten Händen
von früh bis spät die Dividenden
erst schafft, die Jener lächelnd handelt, –
der Stein und Stoff in Gold verwandelt;
den Mann, des Sorge seinem Kind flucht,
des Frau verröchelt an der Schwindsucht,
der ohne Hoffnung auf ein Morgen
sich schindet um die Alltagssorgen…

Grau wird der Kopf. Die Löhne kleiner.
Den Mann schützt keiner!

Über den Autor

Theobald Tiger (1890, Berlin – 1935, Göteborg)

Theobald Tiger war ein Pseudonym des deutschen Journalisten und Schriftstellers Kurt Tucholsky. Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift “Die Weltbühne” erwies sich Tucholsky auch als einer der profiliertesten Gesellschaftskritiker im deutschsprachigen Raum. Er verstand sich selbst als Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist.

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