Kategorien
Alle Texte Lyrik

“Stille Nacht, heilige Nacht…”
von Hans Maier (1930)

Stille Nacht, heilige Nacht,
Engel steh’n in den Straßen auf Wacht.
Engel mit Säbel und Knüttel bewehrt –
Steh’n vor Palästen, wie sich’s gehört,
Zu schützen die himmlische Ruh’ und dergleichen
Und den heiligen Fraß der Reichen.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Im Salon der Verdiener Reichtum und Pracht.
Der Arbeitslose vom Hunger zernagt –
Macht unterdessen auf Dachhasen Jagd.
In den Vorstädten schreien dem Feste zum Spott
Die Kinder der Armen nach einem Stück Brot.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Karpfenund Wein wird hereingebracht.
Die Arbeitslosen, die abgebaut –
Haben am Schaufenster sich satt – geschaut.
Am Tage des “Friedens der Freude”
Knurren die Eingeweide.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Im Salon wird geküsst, gescherzt und gelacht,
Geswischt die Ordnungsmäuler die fetten:
In der Vorstadt draußen krepieren Proleten.
Weihrauch steigt auf für einen der litt:
Heut’ mordet Millionen der Mörder Profit.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Giftgasbehälter, nehmt euch in acht!
Furzt nicht gerade zur heiligen Zeit!
Ihr Raben und Würmer, bald ist’s soweit –
Lasst erst gehörig den Weihrauch entweichen:
Bald gibt es Aas und Massenleichen.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Friede den Menschen, o Niedertracht!
Von Kerker und Ketten aus Not und Tod
Hat nie uns befreit noch ein mystischer Gott.
Proleten, schließet die Reih’n.
Nur ihr könnt euch selber befrei’n!

Über den Autor:

Hans Maier (1881, Ottensheim – 1945, Wien)

Hans Maier, besuchte drei Jahre die Volksschule in der Nähe von Linz, danach als Hirte tätig, anschließend Bäckerlehre. Als Geselle reiste er um 1900 jahrelang durch Europa. 1920 Beitritt zur KPÖ. Ab 1921 Mitarbeit im Feuilleton der KPÖ-Zeitung “Roten Fahne”. 1930 Gründungsmitglied des “Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs”. Nach dem Verbot der KPÖ (1933) nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, 1945 in Wien verstorben.

Weitere Texte von Hans Maier:

Kategorien
Alle Texte Lyrik

Unser Herbstlied
von Unbekannt (ca. 1929)

Herbst – das heißt: Kälte.
Kälte – das heißt für uns:
Frieren.
Herbst – das heißt für uns: arbeitslos.
Arbeitslos – das heißt: Hunger,
Hungern – das heißt:
Wir pfeifen auf euer Gerede
von Demokratie und Volksgemeinschaft.
Wir pfeifen auf eure leeren Versprechungen.
Wir werden davon nicht satt.
Wir sagen euch:
Wir wollen nicht mehr hungern.
Wir haben lange genug geschwiegen.
Wir sind für euch nur Arbeitsvieh.
Und Stimmvieh. Und Schlachtvieh.
Wenn ihr uns nicht mehr braucht,
dann können wir verrecken.
Merkt euch, ihr Herren:
Noch sind wir da!
Wir – das heißt:
die Millionenarmee Arbeitsloser.
Wir – das heißt:
Die Millionenarmee Betriebsarbeiter.
Wir – die Besitzlosen.
Wir – die Hungerleider.
Wir sind da.
Und machen einen großen Strich
durch eure Rechnung.
Bevor wir langsam, aber sicher,
für eure Dividenden
unsere Knochen opfern sollen,
vergessen wir für einige Augenblicke mal
die gute demokratische Erziehung,
die wir mit Prügelstöcken
und mit Gummiknüppeln, mit Panzerwagen
und mit Zuchthausparagraphen
bei euch genossen,
vergessen wir die heilige bürgerliche Ordnung
und jagen euch,
ihr nimmersattes Räuberpack, zum Teufel.
Das ist unser Herbstlied.

Kategorien
Alle Texte Lyrik

Das verbotene Lied
von S. Kobayashi (ca. 1929)

Ich bin Bergarbeiter.
Meine Brust ist stark.
Ich fürchte nicht die Ausspe[….?],
Und nicht die Pinkertons.
Hundeschläger –
Dolch, Revolver –
Polizeizellen –
Was ist das schon?

Wir kennen den Schacht mit 35 Grad Hitze.
Unsere Zunge ist vertrocknet von Kohlenstaub.
Das ist nicht alles.
Das ist nicht alles.
Gasexplosionen.
Stürzende Loren.
Bruch des Förderseils.
Verschüttet im Stollen.
Steinschlag im Bohrloch.
Hungerlohn.
Bettlerhütten.
Auf uns wartet der Tod.
Wir sind Bergarbeiter.
Warum sollten wir den Tod fürchten!

Warum sollten wir den Tod fürchten?
Wir leben mit dem Tod zusammen.
Was könnten wir,
Wenn wir ihn fürchten würden.
Selbst in ein kleines Flugblatt
Legen wir unser ganzes Leben
Für die Brüder des ganzen Bergers.
Von Anfang an war ich Bergarbeiter,
Wie sollte ich den Tod fürchten.

Kameraden – hört auf zu arbeiten.
Geht auf die Straße.
Die Stelle, zu der wir gehen,
Ist die Stelle, zu der alle gehen.

Arme in Arme, die die Hämmer verlassen,
Sammeln wir uns unter der roten Fahne.
Demonstration!
Demonstration!
Wir marschieren durch den Morgen.
Demonstrieren – vorwärtsdrängen,
Bis zu unserm Platz.
Arm in Arm, ein fester Block.
Das Lied vom Maientage ist von der Regierung erlaubt.
Singt heute nicht das Lied, das wir immer singen können.
Singt laut das Lied der Revolution.
Heute ist Kampftag.
Heute ist Manövertag der Revolution!