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Liberal
von Walter Hasenclever (ca. 1920)

Du bist nicht klug, du bist nicht dumm,
Du bist nicht grad, du bist nicht krumm,
Du bist nicht schlecht, du bist nicht gut,
Hast weder kalt’s noch warmes Blut.

Du strebst die “Freiheit” nur für dich,
Du übst die Knechtschaft – gegen mich;
Nach oben bückst den Rücken du,
Nach unten schärfst die Krallen zu.

Und Gleichheit willst für jedermann,
Der solche Gleichheit achten kann,
Wo einer schafft, der andre prasst,
Wo eine blüht, die andre blasst.

Und Menschenliebe übst du auch,
Doch darf’s nicht kosten deinen Bauch –
Dein Schwert ist stumpf, dein Witz ist schal;
Wo ist den Name: “Liberal!”

Über den Autor:

Walter Hasenclever (1890, Aachen – 1940, Les Milles)

Walter Hasenclever war ein expressionistischer Lyriker und Dramatiker. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke in Deutschland verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. Nach der Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg nahm sich Hasenclever im Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen.

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Die Fabrik
von Lampastak (1922)

Die Maschinen ächzen und stöhnen,
Lärmen und brausen,
Singen und höhnen,
Rasen, eilen, hasten, jagen,
Riemen klatschend schlagen.

Das ist ein ohrenbetäubendes Leben,
Alles ist in Zittern, Beben,
Dieses Hämmern, Klopfen, Feilen,
Dieses Drängen, Rasen, Eilen.

Dieses tausendfält’ge Schaffen,
Dieses Wildzusammenraffen,
Dieses qualdurchzuckte Leben,
Dieses scherzgebeugte Streben,
Diese hämmernde Elendsmusik:
Das ist die Städte der Arbeit – Fabrik.

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“Stille Nacht, heilige Nacht…”
von Hans Maier (1930)

Stille Nacht, heilige Nacht,
Engel steh’n in den Straßen auf Wacht.
Engel mit Säbel und Knüttel bewehrt –
Steh’n vor Palästen, wie sich’s gehört,
Zu schützen die himmlische Ruh’ und dergleichen
Und den heiligen Fraß der Reichen.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Im Salon der Verdiener Reichtum und Pracht.
Der Arbeitslose vom Hunger zernagt –
Macht unterdessen auf Dachhasen Jagd.
In den Vorstädten schreien dem Feste zum Spott
Die Kinder der Armen nach einem Stück Brot.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Karpfenund Wein wird hereingebracht.
Die Arbeitslosen, die abgebaut –
Haben am Schaufenster sich satt – geschaut.
Am Tage des “Friedens der Freude”
Knurren die Eingeweide.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Im Salon wird geküsst, gescherzt und gelacht,
Geswischt die Ordnungsmäuler die fetten:
In der Vorstadt draußen krepieren Proleten.
Weihrauch steigt auf für einen der litt:
Heut’ mordet Millionen der Mörder Profit.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Giftgasbehälter, nehmt euch in acht!
Furzt nicht gerade zur heiligen Zeit!
Ihr Raben und Würmer, bald ist’s soweit –
Lasst erst gehörig den Weihrauch entweichen:
Bald gibt es Aas und Massenleichen.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Friede den Menschen, o Niedertracht!
Von Kerker und Ketten aus Not und Tod
Hat nie uns befreit noch ein mystischer Gott.
Proleten, schließet die Reih’n.
Nur ihr könnt euch selber befrei’n!

Über den Autor:

Hans Maier (1881, Ottensheim – 1945, Wien)

Hans Maier, besuchte drei Jahre die Volksschule in der Nähe von Linz, danach als Hirte tätig, anschließend Bäckerlehre. Als Geselle reiste er um 1900 jahrelang durch Europa. 1920 Beitritt zur KPÖ. Ab 1921 Mitarbeit im Feuilleton der KPÖ-Zeitung “Roten Fahne”. 1930 Gründungsmitglied des “Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs”. Nach dem Verbot der KPÖ (1933) nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, 1945 in Wien verstorben.

Weitere Texte von Hans Maier: