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Die Drei
von Theobald Tiger (ca. 1924)

Den Gutsherrn mit den fetten Backen,
den Ringen und dem Speck am Nacken,
mit Haus und Hof und mit Gesinde,
mit junger Frau und gut genährtem Kinde;
den Gutsherrn mit dem Schloss in Fliederranken,
mit der Pension und seinem Konto auf den Banken,
mit seinem Sekt –

Den Unternehmer, der die tiefen Schächte
ausraubt nach eig’nem, freien Rechte,
der Herr ist über tausend Leben,
dem tausend Räder Ware weben –

Doch den, der mit den harten Händen
von früh bis spät die Dividenden
erst schafft, die Jener lächelnd handelt, –
der Stein und Stoff in Gold verwandelt;
den Mann, des Sorge seinem Kind flucht,
des Frau verröchelt an der Schwindsucht,
der ohne Hoffnung auf ein Morgen
sich schindet um die Alltagssorgen…

Grau wird der Kopf. Die Löhne kleiner.
Den Mann schützt keiner!

Über den Autor

Theobald Tiger (1890, Berlin – 1935, Göteborg)

Theobald Tiger war ein Pseudonym des deutschen Journalisten und Schriftstellers Kurt Tucholsky. Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift “Die Weltbühne” erwies sich Tucholsky auch als einer der profiliertesten Gesellschaftskritiker im deutschsprachigen Raum. Er verstand sich selbst als Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist.

Weitere Texte von Theobald Tiger:

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Arbeitslose, aufgepasst!
von O. Leipold (1924)

Vorbemerkung

“Bourgeoisblätter predigen den Arbeitslosen Genügsamkeit und Zufriedenheit. Das Gedicht O. Leipolds ist eine glänzende Verhöhnung dieser Heuchelei.”

Quelle: Die Rote Fahne, Zentralorgan der KPÖ, 2. März 1924, S. 5

Wenn arbeitslos du durch die Straßen lungerst,
Wenn dir das Hemde durch die Hosen blickt,
Wenn du vor’m Haus der satten Schieber hungerst
Und wenn der Frost dich kneift und zwickt,
Dann murre nicht und denk’, es kann auf Erden
Nicht jeder Mensch ein satter Schieber werden.
Den Schiebern: Glück und Herrlichkeit,
Doch dir sei die Zufriedenheit…

Zu deinen Nächsten musst du niemals sagen,
Dass sie am Hungertuch der Schieber nagen.
Nur Kommunisten reden so und Ketzer –
Das Zuchthaus rette uns vor diesen Hetzern.
Nur Gleichheit ist ihr teuflisches Begehren,
Sie woll’n die Obrigkeit von Gott nicht ehren.
Du aber hab’ Geduld in Not und Leid,
Der Himmel lohnt dir die Zufriedenheit.

Und bist du ehrfurchtsvoll und unverdorben
Dereinst den Hungertod gestorben:
Auf deinen Grabstein schreib ich’s weit und breit:
Der Mann starb an Zufriedenheit.

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Kalender
von Erich Mühsam (1912)

Jänner:
Das Jahr beginnt um Mitternacht,
Wenn Luft und Land vor Kälte kracht.
Der Mensch grüßt froh den Neujahrstag
Und ahnt doch nicht, was kommen mag.

Februar:
Der Sturm bricht den kahlen Ast,
Auf tobendem Meere birst der Mast.
Eis treibt zum Meer, Schnee stürzt zu Tal.
Die Menschen feiern Karneval.

März:
Die Welt erwacht aus Wintersnot,
Wild kämpft das Leben mit dem Tod,
Im Freiheitssehnen schwillt das Herz,
Der Mensch erfleht sein Heil vom März.

April:
Heut’ Regen, Wind und Hagelschlag,
Und morgen strahlender Sonnentag.
Der Menschheit Schicksal muss gescheh’n
Durch Kreuzigung und Aufersteh’n.

Mai:
Zur Paarung drängt’s die Kreatur
Und neuer Samen schwängert die Flur,
Verkündend schwebt der heilige Geist
Zum Menschen, der dies Liebe heißt.

Juni:
Das Licht der langen Tage glänzt
Auf grüne Lande bunt bekränzt.
Im warmen Sonnenschein gerät,
Was für den Herrn der Knecht gesät.

Juli:
Die Luft liegt glühend überm Land,
Dumpf gähnt der Himmel im Sonnenbrand.
Die Berge und die Wasser ruh’n,
Der Mensch muss seine Arbeit tun.

August:
Gewölk reißt donnernd und zündend entzwei,
Gelähmte Lüfte atmen frei,
Sternschnuppen fahren den Himmel entlang.
Der Herr der Erde nur seufzt im Zwang.

September:
Der Boden saugt neuen Regen ein.
Die Saat trägt Früchte. Es reift der Wein.
Was weise Allmacht den Menschen gab,
Der Reiche nimmt es den Armen ab.

Oktober:
Der Herbst folgt der Natur Gebot,
Die Blätter färben sich gelb und rot.
Die Vögel fliegen mittagwärts,
Den Menschen fasst ein Abschiedsschmerz.

November:
Der Sturm entlaubt den Wald und gellt,
Das Meer braust auf, das Schiff zerschellt.
Den Armen beugt die Sorgenlast,
Der Hunger kommt bei ihm zu Gast.

Dezember:
Die Erde kleidet sich in Schnee,
Die ganze Welt ist kalt und weh.
Vor Gott sind alle Menschen gleich,
Sie träumen vom ewigen Friedensreich.

Über den Autor:

Erich Mühsam (1878, Berlin – 1934, KZ Oranienburg)

Erich Mühsam war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller und Aktivist. 1919 war Mühsam an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach fünf Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik war er in der Roten Hilfe aktiv. 1933 wurde Erich Mühsam von den Nazis verhaftet und in das KZ Oranienburg deportiert. Dort wurde er am 10. Juli 1934 von SS-Soldaten ermordet.

Weitere Texte von Erich Mühsam: