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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Das Gesicht hinter dem Fenster
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Das Kaffeehaus Bellevue ist eine Welt
Aus Plüsch, Wärme und Musik hergestellt.
Die Fenster kannst du durchsichtige Grenzen nennen,
Die es von der erfrorenen Straße trennen.

Heut wie alle Tage setzen sich Herren an die Tische,
Ehrwürdige Herren, erhabene Damen,
Den Mund mit einem Lächeln zerstochen, die Krawatten mit Edelsteinen.
Und weil es dort warm ist und Musik sie erfrischt,
Ein jeder nun seine Zeitung liest.
Auch damit er durch eine solche Brille aus Papier
Die Welt wie sich selber lustig sieht
Im Kaffeehaus Bellevue.

Als sie dort im Warmen recht ehrbar saßen,
Mit wohlgebügelten Händen,
Da geschah es – wohl nicht ganz zufällig –
Dass auf des Fensters gläsern dünner Grenzesschicht
Man wahrnahm eines Mannes ernstes Gesicht.
Ein Mann, nein, einen Jüngling nenn ich ihn besser –
Sticht einen Blick, scharf und kalt wie ein Messer
Durch’s Fenster und bohrt ihn in all diese Pracht.
In Gläser und Walzer und Spiegel und Plüsche,
In Bäuche und Wärme und Börsen und Mahagonitische
Und blieb darin haften und schlug arge Wunden. –
Längst sind die Augen im Nebel verschwunden.

Da standen plötzlich Marmorgrabmäler
Statt glänzender Tische,
Glückliche in ihrer Gruft lächeln
Gespenstisch dazwischen,
Kellner mit schwarzem Trauerflor
Tragen Kränze aus grauem Rauch.
Das Fenster ist Grenze; Armut und Schnee leben davor,
Dahinter aber weht Todeshauch
Im Kaffeehaus Bellevue.