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Das Lied von der Ordnung
von Jura Soyfer (1932)

Dass wir Hunger haben, ist nicht wichtig,
Nebensache, dass wir betteln gehn,
Unsere Klagen weist man ab als nichtig,
Hauptsache: die Ordnung bleibt bestehn!
Wer’s noch nicht gemerkt hat, mag’s jetzt hören:
Eine Ordnung gibt’s auf dieser Welt,
Sie ist da, damit wir sie nicht stören,
Und wir halten sie, weil sie uns hält!

Die Erde ist von Ost bist West,
Von Singapur bis Budapest,
Glänzend organisiert!
Dreißig Millionen gehen stumm
In Reih’ und Glied, vor Hunger krumm,
Wer nicht mehr gehen kann, fällt um,
Das klappt, als wär’s geschmiert!
Gibt’s zuviel Brot? Dann heizt mit Brot!
Gibt’s zuviel Menschen? Schießt sie tot!
Die Ordnung schuf der liebe Gott,
Wir frieren, krepieren in Tritt und Trott,
Die Ordnung funktioniert!

Ach, man merkt von ihr oft Jahr für Jahr nichts,
Manchmal glauben wir schon, sie wär’ hin,
Ihr habt alles und wir haben gar nichts:
Ist das die Ordnung oder hat das Sinn?
Aber schreien wir das in die Straßen
Von Neuyork, von London, von Schanghai,
Wollt ihr uns nicht länger zweifeln lassen,
Und es bleut uns ein die Polizei:

Die Erde ist von Ost bis West,
Von Singapur bis Budapest,
Glänzend organisiert!
Dreißig Millionen gehen stumm
In Reih’ und Glied, vor Hunger krumm,
Wer nicht mehr gehen kann, fällt um,
Das klappt, als wär’s geschmiert!
Gibt’s zuviel Brot? Dann heizt mit Brot!
Gibt’s zuviel Menschen? Schießt sie tot!
Die Ordnung schuf der liebe Gott,
Wir frieren, krepieren in Tritt und Trott,
Die Ordnung funktioniert!

Alles geht in schönster und in bester
Ordnung! Und wir müssen mit ihr mit –
Doch je mehr wir werden, desto fester
Dröhnt auf allen Straßen unser Tritt!
Gestern hielten wir noch fromm die Ordnung –
Heute wankt sie – Wird sie morgen stehn?
Und wir fragen: Muss es stets in Ordnung,
Muss es stets in dieser Ordnung gehn?

Wir fragen euch von Ost bis West,
Von Singapur bis Budapest,
Trotz Knüppel und Gewehr!
Wir, die wir hungern überall,
Weil Ordnung auf dem Erdenball,
Wir fragen euch, wie es einmal
Mit einer andern Ordnung wär’?
Heut gehn wir mit der Ordnung mit,
Doch morgen fallen wir aus dem Schritt.
Wir fallen aus dem Hungertrott,
Trotz Fabrikant und liebem Gott.
Und morgen, und morgen,
Da wird in Front marschiert!

Über den Autor

Jura Soyfer (1912, Charkow – 1939, KZ Buchenwald)

Jura Soyfer war ein politischer Schriftsteller in Österreich. In den frühen 1930er-Jahren veröffentlichte er literarische Texte in der Arbeiter-Zeitung, dem Organ der österreichischen Sozialdemokratie. Nach den Februarkämpfen 1934 trat Soyfer der illegalen Kommunistischen Partei bei und begann die Arbeit an seinem Roman “So starb eine Partei”. Dieser Roman, der nur in einem Fragment erhalten ist, war eine Abrechnung mit der österreichischen Sozialdemokratie, deren Politik in die Niederlage des Februar 1934 geführt hatte. Am 13. März 1938 wurde Soyfer beim Versuch, in die Schweiz zu flüchten, von österreichischen Beamten festgenommen. Im Juni 1938 wurde er ins KZ Dachau transportiert, im Herbst ins KZ Buchenwald; dort starb er am 16. Februar 1939 an Typhus.