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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Das nächtliche Haus
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

In der Nacht, weit weg von Bäumen,
Sechzig Fenster des Hauses beginnen zu träumen.
Sechzig schlafende Fenster, nur eines wacht,
Im Giebel, in der Mansarde angebracht.
Dahinter sitzen zwei Liebende,
Sehen einander in die Augen, sitzen Hand in Hand
Und zünden große Lichter an.

Damals, hinter allen traurigen Fenstern,
Die in Not blicken heute wie gestern,
Haben es die Menschen bemerkt,
Lösten die zerbrochenen Glieder mit Kraft.
Standen leise auf,
Und machten sich auf die Wanderschaft.

Der asthmatische Kohlenmann aus dem tiefsten Gelass,
Und die Hausmeistersfrau,
Die Schneiderin, die mit hektischem Rot
Stickt ihre Wangen so blass.
Der Schreiber, der sein totes Weib nicht vergisst,
Der Trinker, sechs Waisen, deren Leid noch ärger ist,
Ringhofer Arbeiter mit Öl beschmiert,
Dürrbrüstige Weiber, die Dame, die kein Kind gebiert:
Alle Parteien des Elends, der Not,
Manche verwundet, andere schon tot,
Steigen in blassen, geheimen Zügen
Hinauf über harte, steinerne Stiegen.
Unheimlich leise bewegt sich der Zug
Gleichsam der Eule nächtlichem Flug.

Über fünf Treppen ist der Zug gewankt,
Vor der Mansarde ist er angelangt.
Trotzdem die Türe sorgsam verschlossen,
Über den hölzernen Schwellenstrom
Auf Silberwellen sind sie hinübergeflossen.
Die Mansarde war ja ihr Ziel.
Die Mansarde, die mit lichter Hand
An die Nacht ein leuchtendes Zweiglein band.
Weil ihr Herz vereist, die Seele aus Stein,
Treten sie bittend in die Liebenden ein,
Treten in die weißen Leiber, die Kapellen,
Zur Ostermesse.

Die Liebenden sinken sich in die Arme.
Verzückt flüstert er: „Wir sind so allein!“
Sie öffnet den Schoß und erkennt,
Dass größer als die ganze Welt
Der Geliebte, den sie umschlungen hält,
Und spricht: „Ja allein,
Allein – allein –
Und sind doch so viele!“