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Das Seifenlied
von Julian Arendt (1928)

Wir haben unsre Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder;
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum.
Wir seifen ein.
Wir waschen unsre Hände
Wieder rein.

Wir haben ihn gebilligt,
den großen heiligen Krieg.
Wir haben Kredite bewilligt,
weil unser Gewissen schwieg.

Dann fiel’n wir auf die Beine
und wurden schwarz-rot-gold.
Die Revolution kam alleine;
wir haben sie nicht gewollt.

Wir haben die Revolte zertreten
und Ruhe war wieder im Land.
Das Blut von den roten Proleten,
das klebt noch an unsrer Hand.

Wir haben uns’re Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder;
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum.
Wir seifen ein.
Wir waschen unsre Hände
Wieder rein.

Über den Autor

Julian Arendt (1895 – ?, 1938 – Berlin)

Julian Arendt war ein jüdischer Berliner Kabarettist und Kabarettautor. Einige seiner Revue-Songs wurden in den 1920er-Jahren zu Schlagern. Seine Polit-Songs, von Otto Stransky und Hanns Eisler vertont, wurden vor allem durch die Interpretation von Ernst Busch bekannt. Nach 1933 schrieb er unter dem Pseudonym “Hermann Flack” für die Zeitschrift “Katakombe” und leitete die Kabarettgruppe “Die Brücke”. Eine schwere Malaria führte 1938 zu seinem Tod.

Über den Text

Dieses Gedicht von Julian Arendt persifliert eine Episode aus den Reichstagswahlen 1928 in Deutschland, als die Berliner Sozialdemokraten Seifenstückchen mit dem Aufdruck “Wählt SPD!” auf ihren Kundgebungen verteilten. Der Text kritisiert vor allem die inkonsequente Haltung der SPD bei der Bewilligung der Kriegskredite im Jahr 1914 und die Hinhaltetaktik der Partei in der Weimarer Republik.