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Der 1. Mai in Russland
von Unbekannt (ca. 1910)

Brüder, Genossen! Den ersten Mai
Begehen wir heut’ im Gefängnis!
In unseren Zellen Gesang und Geschrei
und Freude – trotz Not und Bedrängnis.

Brüder, Genossen! Uns warf mit Gewalt
Der Feind hinter Zuchthausmauern,
Doch sagen wir heute, die Fäuste geballt:
Wir haben hier nichts zu betrauern!

Draußen wird unsere Sache vollbracht,
Sind unsere Brüder am Werke,
Tagtäglich und stündlich wächst unsere Macht,
Wächst unsere Kraft und Stärke!

Gegen das Unrecht, gegen die Not
Der unterdrückten Millionen
Kämpfen wir, Brüder, für Freiheit und Brot
Und werden den Feind nicht verschonen.

Brüder, Genossen! Am heutigen Tag
Woll’n wir all derer gedenken,
Die, tödlich getroffen von Feindesschlag
Gefallen als Opfer der Henker.

Aller, die kämpfen tapfer und kühn,
Mit heiliger Flamme im Herzen,
Sie nehmen an unseren Feinden die Sühn’
Für unsere Qualen und Schmerzen.

Brüder, Genossen! Das Banner hoch,
Die blutroten Kampfesfahnen!
Das Arbeiterheer zerbricht das Joch
Und wird den Weg sich bahnen!

Zuchthausmauern, Not, Sklaverei
Ist heut’ unser Los auf Erden…
Geloben wir, Brüder, am ersten Mai
Zu kämpfen, um frei zu werden!

Über den Text:

Im Jahr 1891 fand in Sankt Petersburg die erste Maikundgebung Russlands statt. Die sozialistische und revolutionäre Bewegung Russlands wurde von Zar Nikolaus II. heftig bekämpft, ihre Anführer und Mitglieder mit Kerker, Verbannung oder dem Tod bestraft. Der unbekannte Verfasser bzw. die unbekannte Verfasserin befand sich zur Entstehung des Gedichts gerade in Kerkerhaft, vermutlich nach der (gescheiterten) russischen Revolution 1905. Anlässlich des “Tages der Arbeit” ruft er bzw. sie im Gedicht zum Kampf der Arbeiterklasse gegen Zarenherrschaft und Ausbeutung auf. Das Gedicht wurde aus dem Russischen ins Deutsche übertragen und erschien 1932 in der österreichischen Tageszeitung “Rote Fahne”.