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Der steife Kragen
von "Red Jack" (ca. 1930)

Und wir stehen hinterm Ladentisch,
mit einem freundlich lächelnden Gesicht.
Es geht ums “blaue Band der Höflichkeit”.
Für uns ‘ne große Wichtigkeit…
Uns interessiert vielmehr der Arbeitslohn,
sein Tiefstand ist für uns der reinste Hohn.
Und immer weiter wird er abgebaut,
nur unsere Arbeitszeit wird “aufgebaut”.
Zehn Stunden schuften ist kein Hochgenuss,
und dann noch ist nur selten pünktlich Schluss.
Bei einer Arbeitszeit von acht bis sieben
soll man noch meistens Überstunden schieben.
“Aufräumen!”, heißt’s, wenn das Geschäft geschlossen,
Und unser Chef rennt rum wie angeschossen:
“Schneller! Schneller! Tempo! Nicht rumstehen! Los!”
(Im Antreiben sind sie ja alle groß.)
Wer nicht mitmacht, verliert seine Stellung.
Der Entlassungsgrund – Betriebseinschränkung.
Und das alles könnt ihr gar nicht sehn,
denn ihr seht uns nur im Laden steh’n,
lächeln und freundlich zu den Kunden sein,
und ihr denkt, wir hätten es leicht und fein.
Ihr wollt nicht glauben, was wir euch sagen,
Ihr seht bei uns nur den steifen Kragen.
Das ganze Lächeln ist Kulisse nur:
aufgezwungen ist uns die “süße Tour”.

Wir werden vom Chef ausgepresst – wie ihr!
Und müssen schuften, hungern – auch wie ihr!
Auch wir sind Proleten – reicht uns die Hand.
Unser gemeinsames Ziel: Sowjetdeutschland!