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Der Sterbende
von Jiri Wolker (ca. 1923)

Wenn ich sterbe, geschieht nichts auf Erden und ändert sich nichts,
Nur einige Herzen erschauern, wie Blumen betauten Gesichts,
Tausende starben, Tausende sterben, wanken ermattend in Not,
Einsam ist niemand geboren, einsam niemand im Tod.

Den Tod fürcht ich nicht, der Tod ist nicht schlimm.

Tod ist auch ein Stück harten Lebens nur,
Qualvoll aber und böse das Sterben ist,
Wenn die Sinne sinken getroffen im Flug auf die Flur,
Und am rostenden Innern die Zeit wie ein Fauliges frisst,
Zersetzend Hände und Augen und Nerven, ach, alles getrübt,
Womit die Erde umarmt du hast und geliebt.

Den Tod furcht’ ich nicht, der Tod ist nicht schlimm, ich bin ja im Tod nicht allein,
Das Sterben furcht’ ich, denn einsam ist’s – und ich erleid’ jetzt die Pein.
Leb’ wohl, mein Mädchen, leb’ wohl, mein Schatz, leb’ wohl, holdseliges Bild,
Von deiner Brust hieb die Hände man mir, mein Herz zerschlugen sie wild,
Der Gedanke an dich wie ein goldener Pfeil hat ein halbes Jahr mich durchzückt,
Ging’s schlechter mit mir, tat er weh, ging’s besser, war er’s, dem’s geglückt.

Aber heute ade, heut ist alles umsonst, heut schrieb ich dir einen Brief,
Jetzt sollst du vergessen, sollst anderswo suchen, wo das Herz zur Tafel man rief,
Der Brief war mein tiefster Schmerz und meine größte Pein,
Aber im Sterben muss jeder sein, einsam und ganz allein.

Wenn ich sterbe, geschieht nichts auf Erden, nichts rückt von der Stell’,
Nur leg ich ab meine Not, fremd nimmt mich auf die Natur.
Vielleicht werd’ ich nun ein Baum, ein Kind, ein Haufen Geröll,
den Tod furcht’ ich nicht, der Tod ist nicht schlimm,
Tod ist auch ein Stück harten Lebens nur.

Über den Autor

Jiri Wolker (1900, Prostějov – 1924, ebd.)

Die proletarische Dichtung Wolkers schöpft tief aus dem Leben des arbeitenden Volkes und ist stark von kommunistischen Ideen beeinflusst. 1900 in Mähren geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, beschäftigt sich Wolker schon ab 1917 mit literarischen Typen und Formen. Ab 1919 studiert er in Prag, 1921 tritt er aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei der Kommunistischen Partei. 1922/23 wird er Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe “Devetsil”. Sein zentrales Werk, der Gedichtband “Die schwere Stunde”, erscheint 1924 in deutscher Übersetzung im Agis-Verlag Wien. Im Alter von 23 Jahren erkrankt Wolker an Tuberkulose, der er im Januar 1924 erliegt. Bald nach seinem Tod avanciert er zu einer Kultfigur, in der Tschechoslowakei wird sein Werk als Verkörperung der Werte sozialistischer Poesie interpretiert.

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