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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Augen
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Das größte Meer ist wohl des Menschen Aug‘.
Die ganze Welt ist doch darin erbaut.
In tausend Schiffen schwimmt darauf die Welt.
Sterne, Menschen, Fabriken, Stadt und Feld,
Alles was war, was da ist
und was kommt.

Glückliche Sachen sah ich, freundliche,
So zart, dass sie nicht untergehen konnten.
Sterne sah ich und Blumen. Ich sah auch Vögel,
Zugvögel vor dem Winter gefloh’n, die im Süden sich sonnten.
Das waren Schiffe leicht beladen, schlankhüftig mit Schwanenverdeck,
In die Augen segeln sie glücklich und freundlich darüber hinweg.
Das war sie, die Geliebte im weißen Flattergewand,
Die kam und ging, ich sah sie ja,
Eh‘ sie auf immer verschwand.

Ich kenn auch ein Ding, das schwer und niemanden freut.
Dinge, die vergebens den Weg zum Himmelreich suchen:
Krankenhäuser, Vorstädte und Menschen, die Gott nicht betreut.
Ich kenne Bleischiffe, die immer untergehen.
Ich kenne den Schiffer, der das Lachen verlernt,
Wrack, Gefangene von Glück getrennt,
Galeeren, deren Last sie entzwei geschnitten
Und in’s Auge nur glitten und dort ausgelitten.

Das tiefste Meer ist der menschliche Blick.
Den Grund spiegelt das menschliche Herz nur zurück.
Was im Auge scheitert, zum Herzen fällt,
Mit dem Herzen verwächst es, das Herz es bestellt.
Es ankert drin tief,
In andrer und furchtbarer Schönheit,
Sie ist vor allen die mächtigste,
Weil sie nicht herzt,
Sondern lädt
Alle deine Sinne noch so verzagt
Mit Geschossen aus Feuer und hartem Stahl.