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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Ballade vom Kind, das nicht geboren wurde
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Zuerst haben sie einander erblickt,
Dann haben sie sich beide verliebt
Bei der Laterne am Kai,
Wo das Wasser vorüber geht
Und der Mensch steht, als wär er ein Bild des Lichts.
Und dann zuletzt haben sie sich geküsst.

Sehr reich ist so ein liebendes Paar.
Seine Schätze sind doch unaufzählbar:
Hände, Augen, Brüste und Lippen.

„Vor der Stadt, mein Lieb,
Ein weißes Weglein führt.
Dort tief im Getreide verloren
Werden die grünen Feldraine geboren,
Dort werden wir unsere Schätze zählen
Und treu sie einer dem andern geben,
Damit sie am Ende nicht verbrennen
Oder davonfliegen
Wie Vögel,
Feuervögel.“

Sie gehn ins Freie. Der Abend sinkt,
Um Liebe niemand vergebens ringt.
Auch Junge dürfen lieben.
Auch Arme dürfen lieben.
Aus Liebe wird der Mensch doch geboren.
Der Abend sinkt, sie sind weit vor den Toren.

Zuerst sie sich heftig wehrt,
Zuerst fürchtet sie sich,
Zuletzt sie ihm doch alles gewährt.
„Warum sollt ich ihm den Körper nicht geben,
Den Körper aus Blut und Leben,
Hab ihm mein Herz doch gegeben,
Mein Herz aus Blut und Leben?“

„Die Liebe ist Mann und Weib.
Die Liebe ist Messer und Laib.
Ich hab dich, mein Lieb, zerschnitten.
Blut fließt aus des Brotes Mitten
Über meine Hände.“

Als die Füße nach Hause zurückgekehrt,
Unendlich von der Tür zum Bett der Weg.
Das Federbett wärmt nicht, wenn die Nacht entflammt.
In dieser Nacht ein Kindermund entstand
Gerade auf ihrem Herzen.
Diese Nacht weinten sehr vier leere Wände:
„Schwer ist es, den Hunger zu stillen,
Wenn ganz leer sind die Mutterhände.“

Der Mond, der über die Stadt hinzieht,
War zweimal voll und dreimal erloschen,
Als zum dritten Mal er in die Häuser sieht.
Das Mündchen beim Herzen zu sprechen beginnt:
„Mütterchen, freust dich, gelt?
Ich bin die Liebe
Und käm gern auf die Welt.“

Wie sie es begriff,
Zum Geliebten sie lief.
Sein Zimmerchen konnte niemand ermuntern.
Es war wie ein großer Kopf auf schwachen Schultern.
Als die Nachricht auf beide fiel,
Setzten sie sich aufs Bett ganz still.
Sie waren stumm und blass.
Zur Liebe, zum Töten sammeln sie Kraft.

„Heute,
Meine Liebe, wie tausend andere,
So hab nur Geduld!
Unsere Herzen sind Gläser vom Wirtshauspult.
Es genügt zu berauschen den verbitterten Mund.
Blut tropfst du ins Glas. Blut fließt durch den Schlund.
Hunderttausend Menschen haben einander geliebt,
Kein Kind haben sie geboren.
Auch unseres darf nicht zur Welt.
Deshalb sind wir doch nicht sündhaft verloren.
Nicht Sünde ist’s, sondern Not.“

Die Sonne ist erloschen,
Die Sterne strahlen nicht mehr.
Zum Arzt ist für Liebende
Recht bitter der Weg.
Der ist nicht weiß und auch nicht gut.
Man geht über Stiegen aus Stein.
Im Wartesaal verliert mancher den Mut,
Bis die Tür, furchtbar versperrt,
Sich öffnet mit gelbem und schiefem Blicke
Und sagt: „Ich bitte.“

Der Arzt hat Hände aus Karbol
Und Worte aus Eis.
„Wie man kranke Frauen heilt, ich wirklich nicht weiß,
Ich reparier‘ bloß zerbrochene Sachen.“

Das Bluserl zieht er ihr aus.
Mit den Fingern auf die Brust
Trommelt er ihren Trauermarsch.
„O Weib,
Kennst du das Wort
Das die Brust dir versengt?“
Zum letzten Mal blitzt es auf.
Jetzt ist es fort.

Er blieb derweil stehn.
Aber seine Augen, die haben ihn verraten.
Die folgen krampfhaft ihrem Schmerz,
Ihrem Schmerz, dem Trauerwagen.
Die Räder kreischen, Herbstwinde weh’n.
„Hab ich das getan?
Ich hab es getan!“

„Reich mir, Geliebter, die Hand,
Wenn ich die Stiege hinunter soll.
Ich bin nicht mehr mutig und werde weinen,
Weil von meinem ganzen Schatz
Geblieben nur ein Fläschchen Eumenol.
Weil ich nur mehr eine Wunde bin,
Umarmt von meinem toten Kind.

Ich bin kein Weib.
Ich bin ein Grab.
Meine zwei Augen zwei Kerzen sind,
Die am Allerseelentage verglimmen im Wind.
Doch niemand betet für mich.
Auch die Frau möchte, dass ein besseres, anderes Leben ihr winkt,
Und weint, wenn die Hand kraftlos zum Schoße sinkt.“

Am Abend
Sind viele Liebende traurig bewegt
Weil, was leben konnte, nun doch nicht lebt.
Und viele wissen nicht, wie das Leben hart,
Weil ihr Herz schon erstarrt.

Die Sonne auf die Erde scheint,
Der Baum hat sein Laub verloren.
Viel Menschen lieben auf dieser Erd‘,
Und die Liebe wird doch nicht geboren.

Wird nicht geboren?