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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Ballade vom Traum
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

In einer schmutzigen Vorstadt haust
Ein Jüngling mit Namen Jan.
Er besitzt ein gutes Herz, eine schwache Faust
Und eine blaue Arbeiterschürze.
Des Abends schlendert er durch die Stadt,
Durch das farbenleuchtende Karussell.
Da wachsen ihm Wunden in die Augen hell,
Die alles in Wirklichkeit sehen
Und zum Herzen die Worte hinunterwehen:
Hier sind Paläste, da finstere Mansarden,
Hier wohnen Satte und da, welche darben.
Hier steht der Diktator, da der Sklave wankt.
Und sind beide krank.
Wie ein Herz so rund ist die Welt
Und, wenn sie in zwei Hälften zerfällt,
Stirbt sie.

Durch die Stadt geht der traurige Jan,
Von allen Seiten bekämpfen ihn Augen.
Trotz Sehnsucht und Leid will er das Leben lieben,
Um die Welt wahr und gerecht abzuwiegen:
Denn deshalb lebt der Mensch und dazu er taugt,
Dass aus ihm wird, was die Erde g’rad braucht.
Soll ihr Speise sein, wenn sie Hunger hat,
Soll ihr Hunger sein, wenn sie übersatt.

Er irrt durch die Straßen.
Er geht durch die Stadt.
Die Sterne helfen ihm nicht.
Er geht nach Haus; im niedrigen Raum
Schlafen drei Menschen und ein Fenster.

Auf die Decke streckt sich der irrende Jan,
Und Augen, die in zwei Wunden gestarrt,
Sind leise vernarbt
Und geschlossen.
Kaum sind die Augenlider zu,
Über zwei blauen Wunden,
Schon wächst ein Herz, ein tränenbegossenes Korn
Durch seinen ganzen Leib
In eine frohe und glückliche Zeit:
Er sieht keine Paläste und keine Mansarden,
Keine, die betteln, noch hungern, noch darben.
Über die Erde ohne Habgier und Hieb
Gehen Menschen knabenhaft rein und lieb:
Tapfer wie Monteure, klug wie Ingenieure,
Die Brücken bau‘n aus Lied und Ton,
Und hauptsächlich aus Eisenbeton,
Damit verbunden wird Land und Land
Herz und Herz,
Hand und Hand.

Jan öffnet die Arme.
Mit großer Liebe er hastet,
Dass er all das wie seine Geliebte betastet.
Doch das Leid erträgt er ja kaum –
Die Augen, die Wunden springen ihm auf.
Er sieht den morgenergrauten Raum,
Das kahle Zinshausdach.
Wirklichkeit dringt mit zwei Nägeln in’s Herz,
das nun wacht.
Er erkennt: Alles war nur ein Traum
Aus Not, Enttäuschung und Schwäche geboren.

Sirenen pfeifen den Befehl.
Jan schließt den Gurt fester zusammen.
Er ist gestern gegangen und vorgestern
Und wird heute ebenfalls zur Arbeit kommen.
Heute geht er nicht allein durch die Gasse.
Der schöne Traum hängt noch an ihm.
Und war auch alles gestern schwer,
Heute drückt ihn das Leben schon allzu sehr.

In derselben Vorstadt wohnt auch Marie.
Sie ist eine junge Schneiderin.
Täglich näht sie auf der Maschine
Zehn Hemden.
Mit Jan wurde sie einmal bekannt,
Als der Abend sie beide im Freien fand.
Jan zog sie warm und innig an sich
Und sagte: „Ich hab‘ dich lieb!“
Oft sind sie dann zusammengekommen
Und jedes hat sein Teil Liebe bekommen.

Auch diesen Abend war es so.
Jan kam bedrückt.
Die Stimme klang roh.
„Marie, heut Nacht schien es mir im Traum
Auf der Welt wär‘ für ein besseres Leben Raum.
Als ich das alles als Traum erkannt,
Bin ich daran zu Tode erkrankt.
Wie ein süßes Gespenst geht es vor mir her
Durch steinerne Straßen am eisernen Kai.
Bleibt es irgendwo plötzlich stehen,
Dann ist tausenderlei Unzucht hindurch erspäht.
Unzucht, die umso furchtbarer brennt,
Weil ich ein Land sah, das sie nicht kennt.
Ich kenn‘ keinen Freudentag, keinen lichten,
Ich muss doch den Sonnentraum wirklich vernichten.
Sonst sterbe ich selber daran.
Sag‘ mir, meine Liebste, bloß,
Wie wirst du solche Träume los?“

„Als ich dich, Jan, noch nicht kannte,
Litt‘ ich sehr an furchtbaren Träumen.
Mein Traum,
Dem Bild eines Mannes gleich
(Ich war den ganzen Tag so allein)
Da legte die Nacht mich in seinen Arm.
Es war sehr bös. Belohnung war’s kaum.
Doch willst du leben, musst du erwachen.
Und ich erwachte
In einem kahlen armseligen Raum,
Nur damit ich mir traurig gestehe:
Es war ja kein Mann. Es war nur ein Traum.
Seit dem Tag, an dem ich dich kennen gelernt,
Haben die Träume ganz aufgehört.
„Liebste“, hast du mir gesagt,
Da hab‘ ich diese Träume fortgejagt.

Es hörte der Jüngling mit Namen Jan,
Es hörte der Mann mit Namen Jan.
Er prüft seine Arme und sagt darauf:
„Ich töte den Traum.“

Arbeiter treten aus Fabriken, Mansarden.
Die Körper zu Boden gedrückt, durch die Härte des Lebens,
Sie träumten schöne Träume wirklich nicht vergebens!
Sie heben mit Kranen sie hoch und meißeln sie in Steinen.
Menschen sind es mit Herzen im Schwunge aus Fleisch und Bein,
Erben des Lichts, die Träume vernichten durch Verwirklichung.

Sie haben nicht nur ein gutes Herz, sondern auch eine Faust,
Weil sie auf der Erde stehen und gehen und bauen des Glückes Haus.

Aus Fabriken und Mansarden treten Genossen.
Jan und Marie sind auch dazwischen.
Dem Heiligen sind Lilien im Arme wert.
Doch Männer schwingen Hammer und Schwert.
Wenn große Träume getötet werden,
Fließt viel Blut über Erden.

Man muss leben,
Selbst wenn’s zu töten gilt.
Die Arme sind Waffen,
Das Herz ist der Schild.