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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Bergpredigt
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Ich bin ein Redner, sehr krank,
Doch nicht tot.
Und dies hier sind Wälder und Berge:
Die grüne Gemeinde,
Von der Sonne am Himmel aufgebaut,
Damit freudiges Leben darinnen wohnt:
Derer, die durch Armut gestorben,
Nun nach dem Tod als Verstorbene hier weilen,
Als Männer, oder als Frauen,
Und auf Steinplätzen ihre Überreste verkaufen,
Beim Wachslicht blinkender Laternen.

Der Lebendige weiß,
Dass die Welt gerecht sein muss!
Weint nicht, Mörder, betrunkene Dirnen,
Weil die Stadt euch lebendig verscharrt!
Flucht nicht, Soldaten aus Blut und Erz,
Weil die Kaserne nicht Liebe verlangt.
Denn
Jeder hat ein Herz, auch wenn nicht bei sich.
Darum bist du nicht
Ein Soldat,
Eine Dirne,
Ein Mörder;
Darum bist du: Tanne,
Fichte
Und Erle.

Ihr Namenlosen, Unglücklichen von Dorf und Vorstadt,
Seid ein Bergwald, der in’s Glück hineinwächst,
In’s reine Glück, wie es hier nur blüht
Im Nadelholz, Stern und Erdbeere.

Brüder!
Beinahe zum Himmel erhoben,
Möglich, ihr seid zu Heiligen erkoren.
Auf Wolkenstufen schwebt ihr zum Himmel
Und vergesst wohl der Toten im Tal.
Der Heilige spürt ja keine Qual!
Verzichtet doch lieber auf’s Heiligsein,
Kommt doch lieber zu uns herein!
Kommt doch durch die Straßen herab und zieht durch die Welt!
Aus den Augen lasst harzige Zweiglein sprießen!
Erobert die Welt im Siegesornat,
Als Weihnachtsbäumchen und Eichensoldat!
Hurra!

Die Toten auf der Straße zum Leben erbeben,
Musik spielt in jedem Dorfe.
Der Straßenstein blüht, seht so viel Pracht!
Wir selber werden uns wieder gegeben.