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Die Bettlerhand
von Adolf Unger (ca. 1930)

Ich ging stumm an grauen Häusern und Mauern vorbei
Und sah eine Hand mit entgegengestreckt.
Ich sah die Hand und sah sie nicht,
Die Hand des Bettlers, und ging vorbei.
Doch wo ich geh und wo ich bin, streift strafend mich die dunkle Hand, die Bettlerhand,
Nun seh’ ich sie, die dunkle Hand, an jeder Ecke stehen,
Und in der ganzen Stadt sehe ich sie ausgestreckt, gespreizt, verkrüppelt und gefaltet zum Gebet.
Ich bin ja selber auch ein Bettler.
Und alle, die wir hier einander streifen und blind des Wegs vorübergehen,
Sind Bettler und stehn jeder an einer Ecke des Lebens.
Und andere gehen vorüber und sehen unsere Hand ausgestreckt, gespreizt, verkrüppelt und gefaltet zum Gebet.
Oft sehn sie nichts und gehen an grauen Häusern und Mauern vorbei und sehen nicht die dunkle Hand, die Bettlerhand.

Über den Autor:

Adolf Unger (1904, Wien – 1942, KZ Auschwitz)

Österreichischer Arbeiterdichter, 1904 in Wien geboren, jüdische Familie, nach nur vier Jahren Schulunterricht Ausbildung zum Schuster, später mehrere Jahre auf Wanderschaft, unter anderem in Italien. 1929 zurück in Wien, erste literarische Arbeiten. Themenschwerpunkte: der Arbeiter, der Ausgebeutete. Lesungen in der Wiener Urania, 1933 Auszeichnung mit dem Julius-Reich-Preis. 1938 Flucht aus Österreich nach Belgien, 1940 von dort nach Frankreich abgeschoben. 1942 Deportation von Adolf Unger und seiner Frau Sobel in das KZ Auschwitz, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurden.

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