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Die Hungernden
von Ilse Weber (ca. 1943)

Sie gehen ihres Wegs mit müdem Schritt,
der Hunger, der Hunger, der Hunger geht mit.
Er wühlt im Leib und zehrt am Gebein
und gräbt sich tief in das Antlitz hinein.

Und was den Menschen adelt und ehrt’
der Hunger, der Hunger, der Hunger zerstört.
Man bricht die Treu, verletzt das Gebot
und verkauft sein Gewissen für trockenes Brot.

Und was nicht Willkür noch Macht vollbringt,
der Hunger, der Hunger, der Hunger erzwingt.
Unbeugsamer Stolz, hochfahrender Sinn,
sie schmelzen wie Schnee in der Sonne dahin.

Es wuchert die Mißgunst, es wächst der Neid,
blind wird man und hart für des anderen Leid.
Was gilt es noch, was der Nächste fühlt,
wenn der Hunger im eigenen Leibe wühlt?

Schwer ist es, an ihnen vorüberzugehn,
wenn bettelnd sie am Wege stehn.
Doch Schmach über den, der die Ärmsten verfemt
und sich der eigenen Sattheit nicht schämt.

Über den Autor

Ilse Weber (1903, Witkowicz – 1944, KZ Auschwitz)

Ilse Weber war eine tschechisch-jüdische Schriftstellerin. Im Februar 1942 wurde sie von Prag nach Theresienstadt deportiert, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete und zahlreiche Gedichte verfasste. Im Oktober 1944 wurde sie gemeinsam mit den von ihr betreuten Kindern nach Auschwitz deportiert und dort in der Gaskammer ermordet.

Über den Text

Das Gedicht “Die Hungernden” schrieb Ilse Weber während ihrer Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt. Es handelt von der zerstörenden Übermacht des Hungers, der die letzten menschlichen und moralischen Gebote und Gefühle vernichtet und den Menschen äußerlich wie innerlich zerstört. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee waren im KZ Theresienstadt mehr als 140.000 Häftlinge interniert. Transporte von Theresienstadt führten ab Oktober 1942 nur noch ins Vernichtungslager Auschwitz.