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Die Kommenden
von Margarete Beutler (ca. 1900)

Ein Kinderplatz, mit Sand und Russ bedeckt,
von kläglich blassen Sträuchern eingeheckt.
Da wächst es auf, das kommende Geschlecht,
das einst – vielleicht! – der Mutter Tränen rächt.

Von jener breiten Kinderstirne spricht
ein schwarzes Trotzen: Und ich weiche nicht!
Ich weiß schon längst, was in der Welt so Brauch,
und wie es Vater macht, so mach ich’s auch.

Mein Hass den Fetten an die Gurgel springt,
bis einst auch mich der blutige Strom verschlingt.
Wie dieser Knabenmund so schmerzlich ist!
Auch, wenn ihn niemand als der Hunger küsst!

Die Mutter wusch, bis sie zum Tode krank,
und als sie starb, da sprach sie: Gott sei dank!
Ein altes Weib erstand den Knaben sich,
doch ist sie arm und hart und wunderlich.

Für ein Stück Brot in Morgennebelstund
läuft er sich Tag für Tag die Füße wund.
Und Tag für Tag saugt von den Lippen ihm
dem Frühlingssegen seines Cherubims.

Sein Engel schläft – und Engel schlafen fest.
Kein Kinderjammer, der sie wachen lässt.
Wie wildes, furchtlos starres Binsenrohr
wächst so Geschlecht hier für Geschlecht empor.

Und jeder Mai entlockt dasselbe Laub
den magern Sträuchern – blass, bedeckt mit Staub.
Weit, weit davon predigt die Sonnenpracht:
Ich bin das Licht, das alle glücklich macht.

Über die Autorin

Margarete Beutler (1876, Goleniów – 1949, Gammertingen)

Margarete Beutler wurde am 13. Jänner 1876 als Tochter eines Offiziers in Goleniów (Pommern) geboren. In ihrer Jugend zog sie mit ihren Eltern nach Berlin, wo sie zur Jahrhundertwende Texte in der satirischen Wochenzeitschrift “Simplicissimus” und Gedichtbände veröffentlichte. In ihrer literarischen Arbeit bringt Beutler, die sich selbst als Bohémienne verstand, ihre Verachtung gegen das Bürgertum zum Ausdruck. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten entschied sie sich gegen einen Eintritt in die Reichsschrifttumskammer und verzichtete auf weitere Veröffentlichungen. Sie verstarb am 3. Juni 1949 in der Nähe von Tübingen in einem Altenheim.