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Die Magd (Teil 1 von 3)
von Jiri Wolker (1922)

Der Tanzsaal “Zum Halouzek” befand sich an einer Straßenecke der Vorstadt und alle sechs Fenster des Lokals führten auf den freien Raum, den man zum künftigen Ringplatz ausersehen hatte. Bislang war freilich nichts vorhanden, das die künftige Majestät dieses Ortes verkündet hätte – im Gegenteil – Schotterhaufen, drei morsche Buden voller Bretter und Gerümpel und etliche recht trübselige Bäume, die zwar das ganze Jahr Blüten trugen, jedoch nur solche aus Russ und Staub.

Am Abend, als es dämmerte, durchfluteten Nebel den öden Platz, die Umrisse der Buden und Sträucher zerstoben und die Tramwayschienen reckten sich in dem Straßenkot wie erschlagene Nattern.

Heute aber ist Sonnabend und beim “Halouzek” entzündete Herr Franz drei Gasflammen, wobei er vollends die Serviette beschmutzte, die ihm bereits seit einer Woche aus der Tasche baumelte. Sechs Fenster schleuderten sechs schimmernde Netze auf das feuchte Pflaster und der Besitzer des Lokals, Herr Halouzek, der gleichzeitig einem Fischer und einem toten Fische ähnelte, saß nieder im Schankzimmer.

Die schimmernden Netze begannen einsame und in Gruppen schreitende Fußgänger einzufangen. Fleischergehilfen, Schneider, Arbeitslose, Pflastertreter, Fabriksarbeiter, heute, am Sonnabend, gewaschen und frisiert. Straßenmädchen, Näherinnen und zum größten Teil Mägde, die bereits Fenster, Treppen und die fetten Teller gesäubert und jetzt, wie man zu sagen pflegt: “fraj” hatten.

Marka kam heute erst um halb zehn. Die Frau ließ sie früher nicht fort. Morgen sollte der Herr Rat zu Besuch kommen und da tat es not, eine Unzahl blitzender Gläser zu bereiten, den Staub aus Schüsseln zu wischen, alles im Salon gründlich umzustülpen und wieder zurecht zu rücken – und überhaupt für morgen nur das Kochen zu lassen. Dann: Marka hat auch nach Hause schreiben müssen – einen Brief, der zwar nicht mehr Worte besaß, als sie des morgens Stufen gewaschen hatte, aber viel mehr Mühe bereitete, denn die Stufen wäscht man nur für die Woche und sie werden schnell wieder beschmutzt, indes die Worte eines Briefes rein, überaus rein sein müssen, denn zu Hause werden vier gute Augen einen Monat lang über sie hingleiten.

Gerade dadurch geschah es, dass Marka allein den Saal betrat: Vojta erwartete sie nicht. Weder bei der Haustür, noch an der Straßenecke und auch nicht am Eingang zum “Halouzek”. Vojta diente bei den Kanonieren und die sind pünktlich. Sagen sie: um acht – sind sie um acht Uhr zur Stelle. Aber warten auch nicht länger als eine Viertelstunde. Nebst der Kaserne ist ihnen Zeit das höchste Gut. Sie verstehen es nicht, sie durch langes Warten zu vergeuden.

Er wird mich drin erwarten, dachte Marie, aber dennoch war es ihr peinlich, als sie allein eine Eintrittskarte löste. Deshalb, weil sie immer mit einem Freund ging, weil der Freund mit der Kassierin unterhandelte, weil der Freund zahlte. Die Augen der Kassieren blickten sie scheel an und während Marie die Schwelle überschritt, fühlte sie, dass sie die Knie vom Fußbodenwaschen abgedrückt hatte.

Nun hieß es umherspähen. Zwar war sie niemals im tropischen Urwald gewesen, doch kannte sie ihn gut. Dichtes Röhricht aus Leibern, gelbe Blüten der Biergläser, rote Weinbeeren, Rauchwolken, ein kreischender Cyklon aus Musik und verdorrte Gesicher – all das, was im Tanzsaal “Zum Halouzek” schäumte, kreiste, taumelte und rasselte – war geheimnisvoller und flammender als alle Urwälder am Äquator. Marie suchte Vojta wie ein Wanderer seinen Weg, klemmte sich zwischen vollgepfropften Tischen, zwischen hundert schlangenhaften Gefahren hindurch, schritt vorbei an Abgründen und lauernden Bestien – aber Vojta war nicht da. Sie verirrte sich. Gott an sie vergessen und sie blieb allein inmitten der Menschen. An einem Tisch in der Ecke saß sie nieder, bettete ihren Leib in den wackligen Stuhl, als bereitete sie sich vor, in dieser unbekannten Gegend zu nächtigen – und bestellte ein Glas Bier.

Den ersten Schluck trank sie verstohlen, aber als sie das halbe Glas geleert hatte, gewann sie eine gewisse Sicherheit. Im Wirbel des Tanzes erkannte sie drei, vier Freundinnen. Auch des Kommissärs Lida war da, mit einem neuen Feschak, und die zerzauste Hanka, die gegenüber bei Vejrych diente. Dann erkannte sie den älteren Herrn, der sie anzulächeln pflegte, so oft er ihr auf dem Markt begegnete – und als sie das Glas austrank, fühlte sie, dass sie alle Menschen kannte, die ihr kurz vorher ein unbekanntes und schauerliches Festland waren.

Vojta hätte warten können, dachte sie – und es ist seine Schuld. Ich habe Sonntag auch auf ihn gewartet. Möglich, dass er ärgerlich wurde – wer weiß – er ist ein alter Bär. Möglich auch, dass er mich vorgestern mit dem mageren Schneider gesehen hat, der so schön zur Gitarre singt; oder ist er mit einer anderen gegangen?

Es gab so viele Möglichkeiten und Marie durchklaubte sie, wie die Körnchen eines Rosenkranzes. Erkennend, dass am Schluss all dieser Möglichkeiten ein Kreuz sich befindet, betete sie zu Ende, atmete auf, wusch aber dann ihre Verdrossenheit ab wie ein schmutziges Geschirr, denn sie war eine Magd und liebte Reinlichkeit und Glanz in der Küche. Sie dachte an den Blumenstrauß, den sie heute morgens am Markt gesehen hatte, jugendliche Freude durchfuhr ihre Brust und Lippen, sie sagte still “meinetwegen” – und blickte mit strahlenden Augen umher.

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Über den Autor

Jiri Wolker (1900, Prostějov – 1924, ebd.)

Die proletarische Dichtung Wolkers schöpft tief aus dem Leben des arbeitenden Volkes und ist stark von kommunistischen Ideen beeinflusst. 1900 in Mähren geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, beschäftigt sich Wolker schon ab 1917 mit literarischen Typen und Formen. Ab 1919 studiert er in Prag, 1921 tritt er aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei der Kommunistischen Partei. 1922/23 wird er Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe “Devetsil”. Sein zentrales Werk, der Gedichtband “Die schwere Stunde”, erscheint 1924 in deutscher Übersetzung im Agis-Verlag Wien. Im Alter von 23 Jahren erkrankt Wolker an Tuberkulose, der er im Januar 1924 erliegt. Bald nach seinem Tod avanciert er zu einer Kultfigur, in der Tschechoslowakei wird sein Werk als Verkörperung der Werte sozialistischer Poesie interpretiert.