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Die Magd (Teil 2 von 3)
von Jiri Wolker (1922)

Und so geschah es, dass ihr frühlinghafter, sehnsüchtiger Blick den Augen eines Fremdlings begegnete. Ja, er war ein Fremdling, der einzige Fremdling im Saal. Alle übrigen, mochte sie sie auch niemals gesehen haben, waren Landsleute, – dieser allein war fremd. Deshalb, weil sie ihm mit dem Rücken zugekehrt saß und ihn vorher nie gesehen hatte? Nein! – Etwas ganz anderes war es. Seine ganze Gestalt, sein Gewand, die Hände, ja selbst die Manschettenknöpfe, unterschieden ihn so sehr von den anderen, dass es Marie fröstelte, als sie ihn gewahrte. Am seltsamsten waren dann seine Augen; während die anderen die schimmernde Freude des Saales wiederspiegelten, bäumelten sich diese Augen gleich zwei toten steinernen Felsen unter der bleichen Stirn. Dunkel vor ihnen, Dunkel hinter ihnen. Und dennoch ergriffen sie hart und gewaltsam Markas Herz. Doch nein – sie ergriffen es nicht – sie stürzten darauf los.

“Wer mag das sein?”, dachte Marka. “Gewiss ist er fremd. Ich sehe mich nicht mehr um.”

Sie faltete die Hände über der Brust, aber dort pochte ein Hammer. Wiederum erschienen vor ihren Augen die Blumen von heute Morgen, wieder rauschte das Blut durch ihren Körper. Schließlich sagte sie sich: “Es ist ja doch ein Mensch” und wandte sich ihm vollends zu.

Der Fremdling erhob sich von seinem Tische und schritt auf sie zu.

“Darf ich mich zu Ihnen setzen, Fräulein?”

Seine Stimme war samtweich, wie ein Diwan. Ganz kurz sah sie ihn an und wurde verlegen.

“Damit wir nicht so allein dasitzen – Sie hier – ich dort. Gemeinsam werden wir fröhlicher sein. – Oder erwarten Sie vielleicht jemanden?”, fügte er hinzu, als sie unablässig schwieg.

“Ach nein”, sagte Marie und schüttelte ungestüm den Kopf. Der Fremdling saß nieder und rief den Kellner.

“Wünschen Sie Wein oder Bier?”, fragte er sie.

“Danke – ich habe bereits”, lispelte sie weich.

“Noch eins – auf unsere Bekanntschaft.”

Sie wollte nicht. Der Kopf würde sich ihr drehen. Schließlich ließ sie sich dennoch ein Glas Wein bringen.

Sie stießen an und tranken aus. Von diesem Augenblick an verfing sich Marie in die steinernen Augen des Fremdlings, wie eine Bergpflanze. Und fand genug Erde darin, um zu gedeihen und zu gedeihen und zu blühen.

“Sie sind auch allein hier?”, fragte sie.

“Ich bin ganz allein”, erwiderte er.

“Ganz allein, ich kenne niemanden im ganzen Saal, außer Sie.”

“Sie sind gewiss nicht von hier.”

“Nein, Fräulein, Ich bin weither gekommen.”

“Woher?”

“Die ganze Welt habe ich durchwandert. Zum Schluss war ich in Rio de Janeiro in einem Kaffeegeschäft. Auch in Afrika und Asien war ich.”

Der Fremdling wuchs zur Decke empor und Marie hielt sich am Tische fest.

“So weit -“, flüsterte sie. “Und weshalb?”

“Ich suchte Beschäftigung. Fand sie überall und nirgends. Rastete in keinem Orte länger als eine Weile. Hielt es nicht aus. Das liegt in meinem Charakter, denke ich. Kaum siedle ich mich irgendwo an, wird mir’s überdrüssig. Als Knabe lief ich vom Hause fort und seither schweife ich von Ort zu Ort.”

“Weshalb kehrten Sie also zurück?”

“Ich kehrte nicht zurück – ich gehe nur vorbei. Meinen Sie, dass ich hier zuhause bin? Ich bin überall und nirgends zuhause. Hätten Sie die Welt so durchwandert und so viel erlebt wie ich – dann wüssten Sie, dass wir uns umso fremder auf ihr fühlen, je mehr wir sie durchstreifen. Und zum Schluss sind wir sehr müde.”

Des Fremdlings Antlitz alterte; Siechtum in Gestalt seiner Runzeln, fing sein Antlitz wie ein Antlitz wie ein Spinnennetz. Marie wurde traurig und streichelte seine Hand.

“Haben Sie denn niemanden, – Eltern, Weib, Geliebte?”

“Die Eltern sind mir längst gestorben”, antwortete der Fremdling schnell, als hätte er gerade das erwartet. “Und das andere – wissen Sie – es ist schwer, alles mit diesem Namen zu benennen. Als ich Matrose war, hatten wir in jedem Hafen unsere Mädchen, die wir besuchten. Aber waren wir auf dem Meer – und das war beinahe die ganze Zeit hindurch so – dann wussten wir, dass wir zwar überall Mädchen hatten, aber nirgends Geliebte. Die wenigen Stunden, die wir bei ihnen weilten, entschwanden mit uns – und halten Sie sich fest, wenn das Seil durchschnitten ist! Wozu hätten wir ihrer gedacht, wenn sie unserer nicht gedachten? Und eine Geliebte – das ist etwas, woran man denken kann, und etwas, wovon man denkt, dass es unserer gedenkt. Das ist das Wichtigste daran, wenn wir allein sind und fern. Aber sie vergaßen an uns, als wir kaum die Türe zugeschlagen hatten. Wir waren dort nicht verwachsen und konnten es auch nicht verlangen. Auch Sie werden morgen vergessen.”

“Weshalb soll ich vergessen? Ich vergesse nicht!”

Der Fremdling schüttelte den Kopf und blickte höhnisch drein.

“Ich vergesse nicht!”, behauptete Marka, “ich werde an Sie denken, wenn Sie es freut.”

“Es ist einem recht komisch zumute, wenn niemand an einen denkt. Als träte man ins Leere. Als besäße man keinen Leib – keine Füße – keine Hände. Besonders abends, wenn die Sonne untergeht. Nach welcher Seite sich wenden? Wohin schreiten? Das Schiff fährt und dennoch steht es still! Man ist allein, allein, allein. Glauben Sie mir, ein einsamer Mensch genügt sich nicht, um leben zu können. Er ist tot – tot.”

Diese Worte bargen etwas so überzeugendes, dass Marka ihre Arme um seinen Hals schlang, ihn mit den schwieligen Händen streichelte und im Wunsche, diesen Mann zu retten, von ganzem Herzen flüsterte:

“Ich schwöre Ihnen, Herr, dass ich schrecklich an Sie denken werde.”

Die Musik spielte einen kreischenden Walzer, der Tanzsaal dampfte wie ein Schlot und der Fremdling, bereit, von den Toten zu erstehen, sprach in den Augen der getreuesten Magd:

“Ich liebe Sie, Fräulein!”

Dann drückte er sie an sich, fuhr mit der Hand längs des Gürtels zu ihrer Brust empor, und sie umfangend, atmete er tief auf, wie ein Geretteter.
Dann tranken sie einander aus einem Glase zu, sprachen hunderterlei törichte Sätze, die sie vollkommen verstanden. Der Fremdling hatte eisige Hände, aber eine heiße Stimme. Marie war ganz heiß, aber zeitweise fröstelte sie. Die Zeit verstrich – sie erhoben sich, bezahlten und schritten in die Nacht, eng geschmiegt, Hüfte an Hüfte.

Hinter der Ecke küssten sie einander, inmitten der Straße küssten sie einander. Die Laterne an der Ecke versank im Nebel und Marka versank in weichen Kissen. So gelangten sie bis zum Hause und hielten still beim Tor. Marka öffnete, trat ein, der Fremdling folgte ihr und dann stiegen sie beide, Hand in Hand, auf den Fußspitzen im Dunkel das Treppenhaus hinan.

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Über den Autor

Jiri Wolker (1900, Prostějov – 1924, ebd.)

Die proletarische Dichtung Wolkers schöpft tief aus dem Leben des arbeitenden Volkes und ist stark von kommunistischen Ideen beeinflusst. 1900 in Mähren geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, beschäftigt sich Wolker schon ab 1917 mit literarischen Typen und Formen. Ab 1919 studiert er in Prag, 1921 tritt er aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei der Kommunistischen Partei. 1922/23 wird er Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe “Devetsil”. Sein zentrales Werk, der Gedichtband “Die schwere Stunde”, erscheint 1924 in deutscher Übersetzung im Agis-Verlag Wien. Im Alter von 23 Jahren erkrankt Wolker an Tuberkulose, der er im Januar 1924 erliegt. Bald nach seinem Tod avanciert er zu einer Kultfigur, in der Tschechoslowakei wird sein Werk als Verkörperung der Werte sozialistischer Poesie interpretiert.