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Die Magd (Teil 3 von 3)
von Jiri Wolker (1922)

Markas Kämmerchen befand sich neben der Küche. Bett, Koffer, ein geborstener Spiegel mit einer Ansichtskarte und ein alter Kleiderrechen bildeten die ganze Herrlichkeit. Für einen zu eng, für zwei geräumiger. Deshalb hatte sich Vojta herbegeben, vor ihm der Lojzek und zu allererst Karl Chyla, ein kühner Elektromonteur. Jeder hinterließ hier irgendetwas Schönes, alle gingen durch die warmen Arme Markas – pflegte sie auch wochentags allein einzuschlafen. Wenn die drei es durften, weshalb durfte der irrende Fremdling nicht, dem Lippen und Busen genauso entgegenstrebten! Oder nur darum nicht, weil er keinen Namen besaß? Dafür besitzt er einen Kummer, der entwaffnet. Weil sie ihn nicht kennt und weil es der erste Abend ist? Im ersten Augenblick lernt man besser kennen als in der ersten Woche, und sollte er, der er bereits morgen fortfährt, ohne [Rän?lein] reisen? So etwa dachte Marka, während sie fest die Tür schloss und zum Schluss dachte sie: dass es sein müsse.

Im Stübchen war es dunkel. Aber als Marie beim Fenster in die Arme des Fremdlings geriet, zeigte sich ein Stern. Marie betrachtete den Stern und lauschte der heißen Stimme des Fremdlings. Gehorchte ihm völlig und am meisten mit den Brüsten, die sich pressen ließen, als wollten sie alle Trauer und Schönheit der liebenden Hände in sich schließen.

Hätte sie ihm ins Antlitz geblickt, würde sie gesehen haben, dass es bleich war, sehr bleich – bleicher als der Stern im Fenster. Aber sie schaute auf den Stern und voller Liebe und Glanz entflammte sie in ihrem Herzen zu folgenden Vorsatz:

Niemand erinnert sich seiner, Mensch – glaube mir, ich werde an dich denken. In der Küche im Stiegenhaus, beim Geschirrwaschen, auf dem Markt, und meistens abends, bevor ich einschlafe. Damit du – bis du fortfährst, nicht fremd bist in dem Land, über das du schreitest. Damit du nicht allein bist bis zum Tode. Gewiss, gewiss, was immer auch geschieht, ich werde treu an dich denken und Gott wird mir dazu verhelfen.

Der Stern beim Fenster entfaltete sich zu einer großen Blüte und Marie fiel rücklings aufs Bett. Als der Fremdling in ihren Körper drang, sagte sie noch, nicht um des Wortsinns halber, sondern aus Beharrlichkeit, denn so sagte sie stets den Männern, die sie zu lieben kamen:

“Gib acht!”

“Wirst du mich vergessen?”

“Ich werde nicht vergessen!”

Und da warf sich des Fremdlings Leib im Geschlechtskrampf gestrafft, jählings sinnlos herum. Marie fühlte, dass er noch nicht zu ihrem Herzen gelangt war; angsterfüllt presste sie ihn mit aller Kraft an sich. Da ergoss sich der Körper über sie wie eine Welle, ward reglos und erhärtete. Marie vernahm einen zerrissenen Seufzer, aber das war kein Seufzer der Liebe – er kam von anderwärts her. Ein unermesslicher und dennoch kurzer Seufzer, der, verhallend alle Dinge im Zimmer klingen machte. Tödlicher Frost fiel sie an, als spüre sie Eis in ihrem Inneren. An den Haaren erfasste sie den Kopf, der reglos auf ihrer Brust lag, hob ihn gewaltsam empor, bis sie ihn in den Glanz des Sternes trug, der von Ewigkeit zu Ewigkeit hinter dem Fenster stand. Und in diesem fahlen Licht erschaute sie die vorgewälzten Augen und die verzerrte Grimasse des Leichnams.

Er war vom Schlage getroffen.

Entsetzensvoll ließ sie seinen Kopf fahren. Er fiel ihr zwischen die Brüste wie ein Stein in eine Grube. Ihr ganzer Leib kräuselte sich zu tausend verwirrten Ringen. Sie wollte aufschreien und konnte nicht, wollte hochspringen und sprang nicht. Lag eine Weile starr unter dem erstorbenen Leib, der sich bislang in ihren Körper keilte. Spannte alle Kräfte an, um ihn herabzunehmen, aber der tote Leib hielt sie fest mit den Beinen, als wäre er in sie versunken. Verzweifelt kämpfte sie mit ihm, denn entsetzlicher Schmerz und Schrecken fiel sie an.

Der Stern hinter dem Fenster erblasst, den grauen Konturen des Schlotes weichend. Marie blickt reglos vor sich hin, wie ein Vogel, den man um seines Sanges willen erschossen hat. Sie begibt sich fort auf eine lange Fahrt. In eine fremde Welt. – Verlässt die Heimat ihrer zwanzigjährigen Brüste, die Mütterlichkeit eines lustvollen Schoßes, begibt sich fort von ihrem ganzen Leib, der vor zwei Stunden so ungestürm in Liebe erblühte.

Sie weiß es nicht und sagt es niemanden; sie fühlt es. Jählings ist ihr kühl, kühl, kühler als dem reglosen Leib unter der Decke. Als entströme ihr irgendwo das Blut. Es ist kalt, kalt.

Sie mummt sich in ein wollenes Tuch. Wird dem Toten sehr ähnlich, dass sie dessen sich bewusst wird. Deshalb schreit sie nicht, erhebt sich nicht, weint nicht, obwohl in den Straßen bereits die ersten Wagen rasseln und der Hausmeister das Tor öffnet.

Wem wird sie von dieser Stunde an die Arme öffnen, um nicht an den Tod zu denken? Wie wird sie jemals einer anderen Liebe sich hingeben können, ohne entsetzt zu befürchten, dass der Geliebte ihr zwischen Beinen und Brüsten ersterben werde? Nicht einer ist heute in ihrer Umarmung gestorben – alle sind mit ihm gestorben – auch jene, die noch nicht gekommen sind.

Die Uhr schlägt. Das Milchmädchen schellt. Marie öffnet nicht. In ihr ist nichts, als der tote Fremdling, der tote Geliebte, und ihre ewige Treue. Sie entstürzt in unendliche, schmerzliche Stunden, in denen es ihr schauerlich wird, seiner zu gedenken – und so ersteht der lebendig begrabene Fremdling nach dem Tode in ihr von den Toten.

Die Flurtür wird geöffnet. Irgend etwas klirrt, irgend etwas klingelt, irgend etwas schreit zornig:

“Weshalb öffnen Sie denn nicht, Marie, wenn das Milchmädchen schon eine halbe Stunde läutet?”

Marie versteht nicht, was man von ihr verlangt, sie sieht nur im Nebel das Antlitz der Frau. Dann gewinnt sie den Eindruck, dass sich ein Kreis luftiger Masken auf sie legt, vernimmt Getöse, einen Schrei aus hundert Kehlen und ihr zugekehrten Augen. Von allen Seiten bedrängt, vermag sie nicht zu atmen, hebt die Hand, und als wollte sie sich damit retten und die Aufmerksamkeit aller von sich wenden, weist sie mit ihr auf das Bett, wo der steife Menschenleib sich fürchterlich unter der Decke zeichnet und schreit:

“Dort – dort – der Tote!”

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Über den Autor

Jiri Wolker (1900, Prostějov – 1924, ebd.)

Die proletarische Dichtung Wolkers schöpft tief aus dem Leben des arbeitenden Volkes und ist stark von kommunistischen Ideen beeinflusst. 1900 in Mähren geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, beschäftigt sich Wolker schon ab 1917 mit literarischen Typen und Formen. Ab 1919 studiert er in Prag, 1921 tritt er aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei der Kommunistischen Partei. 1922/23 wird er Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe “Devetsil”. Sein zentrales Werk, der Gedichtband “Die schwere Stunde”, erscheint 1924 in deutscher Übersetzung im Agis-Verlag Wien. Im Alter von 23 Jahren erkrankt Wolker an Tuberkulose, der er im Januar 1924 erliegt. Bald nach seinem Tod avanciert er zu einer Kultfigur, in der Tschechoslowakei wird sein Werk als Verkörperung der Werte sozialistischer Poesie interpretiert.