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Die Mutter
von Unbekannt (ca. 1928)

Ich hab’ ein süßes Kind, schön wie ein Frühlingmorgen,
Und kann nicht bei ihm sein und liebend für es sorgen,
Und kann’s nicht selbst erziehn, wie viele andre Frauen,
Ich muss es Fremden, ach, zur Pflege anvertrauen.

Schon zeitig in der Früh’ muss ich zur Arbeit gehen,
Kann flüchtig nur mein Kind, da es noch schlummert, sehen.
Kann einen heißen Kuss auf seine Stirn nur drücken
Und muss dann eilends fort mit tränenfeuchten Blicken…

Und komm ich abends spät aus der Fabrik nach Hause,
Aus dem Maschinenlärm in meine stille Klause:
Da schläft mein Kindchen schon, ich kann’s doch nicht wecken,
Ich kann sein Angesicht mit Küssen nur bedecken…

Sonntags erwarte ich mit Sehnsucht sein Erwachen –
Da sieht es scheu mich an, will reden nicht und lachen
Und nehm ich’s jubelnd dann auf meine beiden Arme
Und drück’ es an mein Herz, das treue, liebeswarme –

Da wendet es sich ab, läuft weinend aus dem Zimmer –
Es kennt das arme Kind die eigne Mutter nimmer…
Wie wird mir da so weh, dass ich zu sterben meine –
Dann geh’ ich still hinaus, wenn’s niemand sieht und weine.