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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Die Treulose
von Jiří Wolker

Information


Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Schwarze Augen hatte sie.
Ein junges Herz hatte sie.
Sie versprach treu zu bleiben,
Dann mussten sie scheiden.

Zum Meeresstrand
Schäumen zusammen die Wellen,
Aber die treue Geliebte
Ist ohne Gesellen.

Wandelst in Erinnerung weit
Kommst doch nicht zum Ziel,
Liebe ist auch Leib
Und nicht nur treue Augen.

Täglich am weißen Riff,
Geht ein blasses Weib spazieren.
Auf einem weißen Schiff
Segelt ein brauner Matrose.

Seine Augen sind Stahl,
Sein Anker ist aus Eisen,
Geankert hat er,
Als er sie sah.

Zwei Nächte quält sie sich,
Zwei Nächte kniet sie und weint,
Die dritte Nacht
Der Totenvogel am Fensterbrett schreit.

Er schreit und fliegt
Grad über’s Herz ihr hin,
Im Herzen starb,
Der früher war darin.

Es starb mit ihm die Treue,
Die einst er von ihr nahm.
Auf ihrer Brust der Matrose
Die dritte Nacht schon lag.

Auf der Brust, auf zwei weißen Wellen
Von steter Brandung bewegt
Den Wunsch, friedlich zu träumen,
Doch wirklich niemand hegt.

Denn das Herz gehört
Euch nicht, ihr Fremden.
Das Frauenherz ist
Die Nacht mit allen Sternen.

Und wenn es gehören soll
Jemandem in Ewigkeit –
Dann nur der Nacht allein.