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Die Zeit ist um
von Alois Ketzlik (ca. 1921)

Wir haben geplagt uns und plagen uns noch.
Wir haben gedarbt und darben noch heute.
Wir trugen dem Kaiser unser Joch,
Und sind noch der Reichen willfährige Beute.
Wir haben für sie den Hunger gelitten
Und nahmen den Kindern das kärgliche Brot.
Wir haben für sie mit den Brüdern gestritten
und stehen für sie noch heut vor dem Tod.
Wir haben gehungert, wo jene gefressen,
Und wo wir jetzt darben, prassen sie noch. –
Wir haben die Toten noch lang nicht vergessen,
Noch lang nicht verschmerzt das blutige Joch!
Wir wissen wozu nun die Menschen verderben
Und sind mit unserer Kraft vertraut.
Wir kennen das blutige und hungernde Sterben –
Wir haben dem Tod in das Antlitz geschaut!

Wir wissen, durch uns kann die Welt nur genesen,
Wir wissen, durch uns kann das Leben nur sein,
Durch uns ist das Blut und der Hunger gewesen
Und wir nur können die Menschheit befrei’n. –
Wir sollen noch länger den Hunger ertragen,
Wir sollen noch länger uns baden im Schweiß,
Wir sollen als Brüder zu tot uns noch schlagen,
Wo einer vom anderen nie etwas weiß?
Wir sollen noch weiterhin dulden und leiden,
Noch länger Büßer des Wahnsinns sein?
Wir sollen der Schmarotzer tierische Freuden
Zuliebe ertragen der Menschheit Pein?
Wir sollen, weil es Wen’ge wollen
Und diese herrschen durch das Geld?
Wir sollen, damit sie nicht grollen,
Verstoßen das Gesetz der Welt?

Die Zeit ist um, wo wir noch bitten,
Die uns zu Sklaven hat gemacht.
Uns leiten nicht der Bürger Sitten.
Uns leitet eine höh’re Macht!

Uns leiten der Welt urwüchsige Triebe
Hinfort im historisch gesetzlichen Spiel. –
Uns leitet erstarkende Menschenliebe,
Erstürmend der Menschheit göttliches Ziel. –
Den Weg, den die Natur uns weiset,
Sperrt nicht des Reichen ganzes Geld.
Die Kraft, die auf dem Weg uns speiset,
Es ist der Saft der ganzen Welt. –
Wir können da nicht länger zaudern,
Nicht länger schleppen Pein und Qual.
Wir können nicht vor’m Tode schaudern –
Er lässt uns nur die Art der Wahl!
Wir stehen vor dem stündlichen Sterben
Entweder durch Hunger oder durch Krieg.
Die Reichen, die stürzen uns in das Verderben
Wir müssen erkämpfen der Menschheit Sieg!

Wir haben gehungert und hungern noch heute.
Wir haben geblutet und bluten noch. –
Wir sind nicht der Reichen ewige Beute!
Wir reißen entzwei das Sklavenloch! —

Wir werden noch hungern und werden uns plagen
Und werden noch stehen um blutigen Krieg.
Doch all dies werden wir mutig ertragen –
Für uns! und nicht den Reichen zum Sieg.
Wir werden mit diesem letzten Leiden
Erstürmen die neue, die menschliche Zeit
Und werden erbauen die Welt der Freuden
Vom hungernden, blutigen Wahnsinn befreit.

Wir werden, wir müssen, wir können nicht zaudern.
Vor uns steht gerüstet das Geld und der Tod.
Wir müssen und werden und können nicht schaudern –
Es gilt zu siegen für Arbeit und Brot!
Wir wollen nicht dulden die müßigen Drohnen.
Wir wollen der Arbeit ehrlichen Preis!
Wir wollen durch Arbeit uns selber entlohnen
Und wollen die Früchte von unserem Schweiß!
Wir werden, wir müssen, wir wollen beginnen,
Denn uns sind bekannt die Qualen der Not.
Wir werden, wir müssen und wollen entrinnen,
Denn wir sind zu gut schon vertraut mit dem Tod.
Wir haben bisher für and’re gelitten.
Wir wollen nun für uns ertragen das Leid!
Wir haben für and’re mit Brüdern gestritten –
Nun steh’n wir für uns! Dem andern bereit.

Wir haben gehungert und hungern noch heute.
Wir haben geblutet und bluten noch. –
Vorbei! – Wir sind nicht willfährige Beute!
Wir stampfen zu Boden das schändliche Joch! –
Wir nehmen den Kampf, zu dem sie uns zwingen!
Wir nehmen den Hunger, der uns bedroht! –
Wir wollen alles mutig bezwingen:
Die Drohnen, das Elend, so wie den Tod!

Die Zeit ist um. Es schlagen and’re Stunden
Und künden einen neuen Tag. –
Der Morgen wird die Welt gesunden,
Die gestern noch im Wahnsinn lag!

Über den Autor

Alois Ketzlik (1886, Wien – 1938, Butowo / Moskau)

Alois Ketzlik war ein Dichter und Politiker der Kommunistischen Partei Österreich (KPÖ). 1886 in Wien geboren, begann Ketzlik 1900 eine Lehre in einer Wiener Buchdruckerei. 1914 veröffentlichte er den Gedichtband “Im Alltagsgrau – Lieder eines Proleten”. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er wegen pazifistischer Propaganda verhaftet. 1919 trat er in die KPÖ ein, wurde Gewerkschaftsfunktionär, Arbeiterkammerrat und Redakteur der “Roten Fahne”. Im Februar 1933 wurde er in Wien verhaftet, im Herbst floh er in die Sowjetunion, wo er die Abteilung für ausländische Arbeiter in der Deutschen Zentral-Zeitung leitete. Am 4. Februar 1938 wurde Alois Ketzlik in der Sowjetunion wegen des Vorwurfs der Spionage verhaftet und im August 1938 in der Nähe von Moskau erschossen. 1956 wurde er rehabilitiert.

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