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Dreihundert standen an der Mauer
von Unbekannt (ca. 1920)

Wir standen zusammen an der Mauer,
Genosse, du und ich.
Du und ich und an die dreihundert –
Dreihundert Proletarier:
Männer und Frauen!

Hört zu, Freunde!
Dreihundert gefangene Arbeiter
Standen an der Mauer
Vorm Maschinengewehr.
Hingetrieben mit Gewehrkolben
Und Peitschen.

Und oben, in Würden und Sesseln,
Proletariervertreter:
Ebert, Scheidemann, Landsberg.
Und in vollem Werden:
Noske!

“Alle Leute aus dem Vorwärts werden erschossen!”
Bestimmte der Major.
Die betrunkene Soldateska johlte
Und stieß mit den Kolben
und brüllte:

“Da drüben liegen schon sieben
Von den Euren verreckt!” Und lachte.
“So gehts Euch auch, Ihr Banditen! Schweine!
Spartakusgesindel!
Ihr kommt alle ran!
Ihr werdet alle erschossen!
Wie die sieben da!”

“Maschinengewehr frei!” schrie der Bursche am Geschütz.
“Platz da!” kreischte es aus der wilden Kohorte.

Die Bahn war frei.
Der eiserne Lauf des Maschinengewehres richtete sich
Auf den linken Flügel der dreihundert.
Dreihundert Paar Augen aus bleichen Gesichtern
Hefteten ihre Blicke starr auf die Hand des Schützen,
Sie zitterte vor Ungeduld und Mordgier
Und wartete auf Befehl.
Dreihundert blasse Lippenpaare pressten sich zusammen
In stummem Trotz.

Doch das Grausige dieser Sekunden
Ließ keinen Mund sich öffnen zum Befehl.

“Das wollen wir der Regierung überlassen!”
Schnarrte endlich eine Stimme.
“Zu vieren antreten!”
Und wir wurden in den Stall geführt.

Über den Text:

Im Zuge des Januaraufstandes im Jahr 1919 besetzten revolutionäre DemonstrantInnen das Gebäude der sozialdemokratischen Zeitung “Vorwärts” in Berlin. Grund für die Besetzung waren unüberbrückbare politische Gegensätze zwischen den gemäßigten SozialdemokratInnen (darunter die im Text erwähnten Ebert, Scheidemann und Noske) und den revolutionären Kräften des kommunistischen Spartakusbundes. Am 10. Jänner 1919 stürmte die Reichswehr das Vorwärts-Gebäude, um die Besetzung mit Flammenwerfern, Maschinengewehren, Mörsern und Artillerie zu beenden. Die Reichswehr ermordete dabei sieben Parlamentäre, welche über eine friedliche Übergabe des Vorwärts-Gebäudes verhandeln wollten. Die weiteren, rund 300 revolutionären BesetzerInnen wurden verhaftet und in den folgenden Tagen von den Regierungstruppen brutal misshandelt, unter anderem mit Scheinhinrichtungen.