Kategorien
Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Ein Mann
von Jiří Wolker

Information


Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhaltsverzeichnis

Über Jiří Wolker

Es war um Mitternacht,
Da fiel ihm ins Herz der Sturm,
Bevor er noch den Arm erheben konnt.
Das Herz begann er ihm zu entwurzeln:
Das Eichenherz, das hohe Herz
Mit vierundsiebzig Zweigen, vierundsiebzig Jahren
Fiel auf seinen Körper. Der Leib fiel zur Erde,
Der Mitternacht ähnlich
Besät mit Sternen, mit Wunden eilt er selber in die Finsternis.
Er seufzt nicht, er ruft nicht,
Damit seine Enkel, die nebenan schlafen,
Sich nicht ängstigen, nicht erwachen.

Eh‘ die Eiche fällt, wird oft die Axt geführt,
Es stirbt das Herz auch nicht einmal vom Schlag gerührt.
Früh haben sie ihn gefunden und legten auf’s Bett ihn nieder.
Da hab‘ ich Abschied genommen von dir, Großvater, du Lieber.

Damals, deine traurigen Augen, die schon im Entfliehen waren,
Von weitem riefen sie mich und wollten mir etwas sagen,
Damals hab‘ ich begriffen: ein Wort doch zu viel wiegt,
Für einen freien Vogel, der über die Wolken fliegt.
Ich hab‘ deine Hand gehalten und wünschte sehr bei mir,
Dass mein lebendiges Blut fließe hinüber zu dir.
Die Adern wollt‘ ich mir öffnen, dir geben vom Überfluss,
Damit du auferstanden, mir sagst, was ich gerne gewusst.
Demütig blieben die Hände, wie ein zerbrochenes Kreuz,
Die nie sich helfen ließen, die stets das Helfen gefreut.
Sie übernahmen nicht mein Blut. Da fiel mir plötzlich ein:
Lebenshauch weitergeben kann ein Toter nur allein.
Ich war es, der deine Hände, Großvater, in meine nahm,
Der all deine letzten Kräfte, wie Funken noch bekam.

Im Zimmer vor der Stadt liegt der Greis heut eingesargt.
Im Sonntagskleide liegt er, der Körper längst erstarrt.
Daneben liegt von Kindern und Enkeln noch ein Strauß.
Ich sehe über den Leichnam zum offenen Fenster hinaus.
Der Tote war Jiří, ich bin es auch.
Dies war ein Mann – werd‘ ich auch einer sein?
Der ew’ge Sturm wird nah’n, ob ich wohl stark sein werde,
Wenn er mit meinem Herz mich schmiedet an die Erde?
Werde ich bis dahin wohl noch die Kraft bewahren,
Die mir der Tote gab vor vielen harten Jahren?
In jener großen Nacht rätselhaft unbegrenzt,
In der das Alter stirbt, das Kindchen träumend wächst?