Kategorien
Alle Texte Lyrik

Ein Wald aus Fahnen
von John Lassen (ca. 1925)

Die Armut zeigt ihre Fetzen,
Fetzen, die flattern im Winde.
Das Sonnenlicht gleitet funkelnd, glänzend über jene Fetzen,
deren rote, gelbe, blaue Farben sich im Winde ausbreiten.
Einem Wald aus Fahnen gleich, wiegen sie sich im Luftstrom:
Die Arbeitskleider, das ausgebleichte blaue Gewand des kleinen Kindes, zerfetzte Strümpfe und Laken, übervoll mit Flickereien.
Zerrissene Hemdhosen, khakifarbene Leiberln, blutrote und tiefblaue Schnäuztücher, verziert mit weißen Pünktchen.
Oh, wie viele Flickereien, wie viele! Ich lüge nicht, im Ernst, hier sieht man mehr Flickereien als Kleider!
Und sie flattern im Wind wie kampfversehrte Fahnen.
Und das sind sie auch.
Die Arbeit ist ein Ort des Kampfes, ein gewaltiger Ort.
Dort wurden sie derartig zugerichtet, die Hemden, die Arbeitskleider, die Hemdhosen, die Schnäuztücher und die Strümpfe.
Und jetzt flattern sie im Wind.
Ein Arbeitsloser lässt das Grammophon grummeln.
Die Maschinen rattern im Arbeitssaal. Unter der niedrigen Decke umhüllt die immer dicker werdende Luft die Arbeiter.
Vom weiten, weiten Himmel ist nur ein winzig kleiner Streifen zu sehen.
Wie gut, dass die ganze Wäsche jetzt im Hofe flattert.
So erkennst du, dass es zumindest draußen frische Luft gibt, dass die Sonne mit funkelnder Frische den Frühling glänzen lässt.
So erkennst du, dass…
die Armut ihre Fetzen zeigt.

Ins Deutsche übersetzt von: dj/proletkult

Über den Autor:

John Lassen (1895, Varaždin – 1925, New York)

John Lassen war das Pseudonym des aus Ungarn stammenden Schriftstellers János Lékai, der 1895 in eine wohlhabende jüdische Familie geboren wurde. 1917 schloss er sich der ArbeiterInnenbewegung an, publizierte in der kommunistischen Zeitschrift “Junger Arbeiter” und der Kulturzeitschrift “Heute”. 1918 beteiligte sich Lékai an einem erfolglosen Attentat auf den ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten István Tisza. Lékai geriet in Haft, wurde aber kurz darauf im Zuge der Asternrevolution befreit. Im November 1918 beteiligte er sich an der Gründung der Kommunistischen Partei Ungarns. Ende 1922 entsandte ihn die Komintern in die Vereinigten Staaten, um dort die kommunistische Bewegung zu unterstützen. In den USA widmete sich János Lékai der Literatur und publizierte seine Arbeiten unter dem Pseudonym John Lassen. Im Herbst 1924 wurde er verhaftet und 1925 gegen Kaution freigelassen. Am 17. Juli 1925 verstarb János Lékai im Alter von nur 30 Jahren an einer Lungenerkrankung in New York.