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Eine Heldin von Unzähligen
von Nikolaj Alexandrowitsch Morosow (ca. 1897)

So teilnahmsvoll, so gütig – mild,
Wo rundum Schweigen herrscht und Nacht,
Stieg sie zu uns, ein lichtes Bild,
In unsres Kerkers düst’ren Schacht.

Und wie von Zaubers Kraft befeuert
Glänzt ihre Seele, stark und rein;
Das Leben hat sie uns erneuert
Durch ihres Herzens hellen Schein.

Der dunkle Kerker ließ sie leiden
Von roher Bosheit schwere Qual.
Sie ging. Und wusst es nicht beim Scheiden,
Mit ihr ging unser Sonnenstrahl.

Die Welt birgt Menschen, sie begegnen
Dir nur in Finsternis und Not.
Für sie nur wirst die Welt du segnen,
Für sie bist du bereit zum Tod.

Über den Text:

Dieses Gedicht schrieb Nikolaj Alexandrowitsch Morosow an Ludmila Wolkenstein, eine russische Revolutionärin, als sie vom russischen Gefängnis Schlüsselburg nach der nördlich von Japan gelegenen Insel Sachalin “begnadigt” und dorthin überführt wurde. Wolkenstein, geb. 1857 in Kiew, hatte an der Organisation des Attentats auf den Gouvernour von Charkow teilgenommen, saß bis 1896 in Schlüsselburg, wurde dann nach Sachalin begnadigt, bei Beginn des Russisch-Japanischen Krieges mit anderen Sträflingen nach Wladiwostok überführt und dort am 10. Jänner 1906 bei einer Demonstration erschossen. Eine ausführliche Biographie zu Ludmila Wolkenstein finden Sie hier: Ludmila Wolkenstein – Eine russische Revolutionärin im 19. Jahrhundert.

Über den Autor:

Nikolaj Alexandrowitsch Morosow (1854 – 1946)

Revolutionär, Autor und Dichter. Teilnehmer an bewaffneten Aktionen gegen Alexander II. 1881 verurteilt zu lebenslänglicher Haft in der Peter-und-Pauls-Festung; 1884 überführt in das Gefängnis Schlüsselburg in der Nähe von St. Petersburg. 1905 aus der Haft befreit. Morosow gilt als Begründer der “wissenschaftlichen Poesie” in Russland.