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Es war ein armer Schneider
von Georg Weerth (ca. 1845)

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wusste nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum:
Da fing er wohl zu weinen an
Und wusste nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm –
Zerbrach so Scher und Nadel
Und wusste nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum –
Und hat am Balken sich erhängt
Und wusste nicht warum.

Er wusste nicht – es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.

Über den Autor

Georg Weerth (1821, Detmold – 1856, Havanna)

Weerth war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem gesellschafts- und religionskritische Lyrik schrieb. Nachdem er 1843 aufgrund seines politischen Engagements in der demokratischen Bewegung seine Stellung in Bonn verlor, wanderte Georg Weerth nach England aus. Dort prägte ihn vor allem die Not und Armut der ArbeiterInnen in den Textilfabriken. In seinen Werken beschreibt er deren Elend und propagiert eine Neuordnung der Besitzverhältnisse. Als es 1848, ausgehend von Frankreich, zur revolutionären Bewegung kam, kehrte Weerth zurück nach Deutschland und beteiligte sich gemeinsam mit Karl Marx an der Gründung der “Neuen Rheinischen Zeitung”. Als die Revolution scheiterte, wurde die Zeitung geschlossen. Weerth wanderte nach Übersee aus und betätigte sich als Kaufmann. 1856 verstarb er in Havanna an einer Tropenkrankheit. Friedrich Engels nannte Weerth später den “ersten und bedeutendsten Dichter des Proletariats”.