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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Frühling
von Jiří Wolker

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Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Die ersten Frühlingsblüten sind heut in den Straßen erwacht.
Die erste Frühlingsblume im Auge des Mädchens lacht.
Diese Augen, schwarz-blau wie Metall
Sind Windesboten von überall,
Damit du erfährst, das hinter der Stadt,
Hinter deinen geschlossenen Fäusten,
Die große Erde ruht
Und schmilzt.

Das Heut wäre dem Gestern sehr ähnlich, wärst du allein:
Nur Kot und Weg, schneeschwangere Wolken rahmen ihn ein.
Doch plötzlich, du Eiskristall unter Steinen,
Fühlst du, dass Herz und Kopf wollen weinen,
unter dem Strauß der Blicke, du kahles Erz.
Je schöner das Mädchen, das vorüber geht, umso größer der Schmerz.

In den unterirdischen Schenken spielen sie:
Der Frühling ist hier.
Der Schnee schmilzt weit draußen im Land.
„Du bist jung“, sagen hundert Körper zu dir
Und jeden nähmst du gern in die Hand,
Mit dem schönsten liefst du ans Ende der Welt:
In die Stube gleich sprießenden Knospen so warm
Du vergissest alle Trübsal, die Straße so arm.
Mit Küssen aus Wolkenspitzen und Schaum
Pflücktest du Augen, Lippen, Brüste und Frauen.

Doch du stehst und stehst
Mit kraftzarter Sehnsucht rings dem zerschnittenen Mund.
Blut wächst in die Wunden, weil es ja muss.
Du bist jetzt ein Baum, die Arme weit ausgestreckt,
Und schwarz strenger Baum, der sich in den Winter reckt.
Unter dem Gletscher, den dieser Frühling nicht schmelzen kann,
Fühlst du die polare Trauer in deinem Heimatland.
Du greifst mit heftigen Wurzeln daran.
Siehst dich an einem Tanzschulplakat lehnen
Und stehst bei Vorstadtmietkasernen,
Im Schneewehen kalter Räume siehst du Herzen:
Bedeckt mit ewigen Schnee.

Du erkennst:
Hier dieses Eis auf diesem Felsne
Kann die Junisonne nicht einmal schmelzen.
Und mit dem Astarm, der zum Himmel sich drängt,
Schüttelst das Herbstblatt du ab, hast Trauer auf dich gesenkt.
Wirst hart und streng und eisig,
Um eines andern Frühlings, andrer Lieb,
Die noch immer wartet im Kampf auf den Sieg,
Dessen Blüten fröhlich und sanft
Werden aus Schwertern wachsen
Aus Stahlstielen entkrampft.

Himmelsfrühling, für mich ist’s gewiss,
Heuer bist du nur ein Gleichnis.
Du warst es und wirst es immer sein,
Wenn im Menschenherz der Frühling blüht.
An der Straßenecke,
Der Wende von Elend und Glück,
Erkannte ich deine Zeichen unendlich und tief,
Frühling des Jahres
1922.