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Gemeinsame Haft
von Ernst Toller (1921)

Sie sind gepfercht in einen schmalen Käfiggang,
Gleich Tieren, die an Gitterstäben wund sich biegen,
Und die von Heimweh krank am Boden liegen
Und fast erschrecken vor der eignen Stimme Klang.

Sie dorren hin und träge wird ihr Blut,
Nur böser Giftstrom bricht aus ihrem Munde,
Der sucht und ätzt des Nachbarn offne Wunde –
Die eingesperrten Menschen sind nicht gut.

Die eingesperrten Menschen sind gleich Kranken,
Sie werden taub und stumm und blind,
Sie hassen sich, weil sie so ärmlich einsam sind.

Weil sie im Chaos ihres Ichs versanken,
Weil grobe Nähe auch des Freundes Antlitz roh und hässlich macht,
Weil jeder über jeden zu Gerichte sitzt und hämisch lacht.

Über den Autor

Ernst Toller (1893, Samotschin, Provinz Posen – 1939, New York)

Ernst Toller war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller und linkssozialistischer Revolutionär. Als zeitweiliger Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei in Bayern und Protagonist der kurzlebigen Münchner Räterepublik wurde er nach deren Niederschlagung im Juni 1919 verhaftet und einen Monat später zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. 1933 emigrierte er zunächst in die Schweiz und 1937 in die USA. Als Pazifist resignierte Ernst Toller angesichts der Erfolge faschistischer Parteien und Bewegungen und litt zunehmend an Depressionen. Am 22. Mai 1939 nahm er sich in New York das Leben.

Über den Text

Das vorliegende Sonett erschien erstmals im 1921 veröffentlichten Gedichtband “Gedichte der Gefangenen”. Die Verse, in denen das menschliche und seelische Elend der Inhaftierten zum Ausdruck kommen soll, verfasste Ernst Toller während seiner Haft im Gefängnis Niederschönenfeld in Bayern.