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Göttliche Weltordnung
von Michael Schwab (ca. 1892)

Tiger, Fürsten, Wölfe, Leuen,
Gift’ge Schlangen, Pfaffen, Bären –
Gott erschuf sie, sich zu freuen
Und die anderen zu verzehren.
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Heil den Vaterlandsrettern!
Horch, wie die Geschütze dröhnen!
Horch, wie die Trompeten schmettern!
Horch, wie die Getroffenen stöhnen!
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Räder rasseln, Funken sprühen,
Ach, der Arme muss sich plagen.
Und der Lohn für seine Mühen?
Schlechte Wohnung, leerer Magen.
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Für die Herren, für die Reichen,
In den dunklen Arbeitssälen
Müssen sich die armen, bleichen
Kinder fast zu Tode quälen.
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Siehst du dort mit frecher Stirne
Freudenmädchen jedem winken?
Nur die Not macht sie zur Dirne,
Und das Elend ließ sie sinken.
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Sieh die herrlichen Paläste,
Sieh der Armut finstre Hütten!
Feiern sie dort frohe Feste,
Wird hier bitt’re Not gelitten.
Ach, wie prächtig, Gott ist gütig und allmächtig!

Über den Text

Dieses Gedicht, verfasst von Michael Schwab, erschien im 1892 herausgegebenen “Liederbuch für das arbeitende Volk”. Das Buch wurde 1894 verboten. Der Verfasser des Gedichts ist mit hoher Wahrscheinlichkeit jener Michael Schwab, der 1853 in Bayern geboren wurde und 1879 nach Milwaukee auswanderte. In den USA war Schwab Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei und Redakteur für die “Chicagoer Arbeiterzeitung”. Nach dem sg. Haymarket Riot im Mai 1886 wurde er verhaftet und anschließend zum Tode verurteilt, obwohl nichts gegen ihn vorlag. Später wurde er erst zu lebenslänglicher Haft begnadigt und schließlich aus der Haft entlassen. Im Juni 1898 erlag Schwab in Chicago der Schwindsucht.