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Haben Sie schon mal…?
von Theobald Tiger (ca. 1926)

Haben Sie schon mal, Herr Landgerichtsdirektor,
Als Gefangener eine Nacht durchwacht?
Haben Sie schon mal vom Herrn Inspektor
einen Tritt bekommen, dass es kracht?
Standen Sie schon mal, total verschüchtert,
vor dem Tisch, wo Einer untersuchungsrichtert?
Ihnen ist das bis zum Ruhestand
dienstlich nicht bekannt.

Haben Sie schon mal acht heiße Stunden
ein Verhör bestanden, das Sie nicht versteh’n?
Haben Sie schon mal die Nachtsekunden
An der Zellenwand vorüberlaufen sehn?
Oben dämmert ein Quadrat mit Gittern,
Unten liegt ein Tier und darf nur zittern…
Diese kleinen Züge sind in Ihrem Stand
dienstlich nicht bekannt.

Aber Kommunistenjungen jagen,
wegen Hochverrat ins Loch gesperrt;
vor Gericht die Spitzel mild befragen,
Saal geräumt, wenn eine Mutter plärrt;
Fememörder sanft verschoben,
mit dem leisen Schleierblick nach oben;
Existenzen glatt vernichtet,
die von Waffenplätzen was berichtet…
Unglück rings verbreitet, Not und Qual –
Ja, das haben Sie schon mal!

Über den Autor

Theobald Tiger (1890, Berlin – 1935, Göteborg)

Theobald Tiger war ein Pseudonym des deutschen Journalisten und Schriftstellers Kurt Tucholsky. Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift “Die Weltbühne” erwies sich Tucholsky auch als einer der profiliertesten Gesellschaftskritiker im deutschsprachigen Raum. Er verstand sich selbst als Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist.

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