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Humane Zeit
von Robert Seidel (1895)

Humane Zeit, humane Sitten –
Gesetze schützen selbst das Vieh;
Ein jeder Hund ist wohlgelitten,
Ein ganzer Mensch dagegen nie.

Humaner Staat, humane Bürger –
Erlaubt sind höchstens sechs Prozent;
Doch edler Herr ist jeder Würger,
Der an der Börse raubt und brennt.

Humaner Sinn, humanes Streben –
Die Wissenschaft häuft Sieg auf Sieg;
Sie hält die Kranken lang am Leben
Und schlägt gesunde tot im Krieg.

Humane Herren, humane Damen –
Sie tanzen für der Armen Not
Und ernten von der Arbeit Samen
Der Millionäre saures Brot.

Humanes Denken, Reden, Schreiben –
Du eitler Firnis einer Welt,
Wo höchste Kunst ist: Kurse treiben,
Und höchste Tugend: Geld, viel Geld.

Über den Autor

Robert Seidel (1850, Kirchberg/Sachsen – 1933, Zürich)

Seidel aus Kirchberg (Sachsen) war Journalist und Redakteur in der sozialistischen Presse. 1869 nahm er an der Gründung der SPD in Eisenach (Thüringen) teil. 1870 emigrierte er in der Schweiz, wo er als Pädagoge und Politiker für die Sozialdemokratischen Partei tätig war. Zur Jahrhundertwende veröffentlichte er mehrere Gedichtbände. 1933 verstarb Seidel in Zürich.