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Hungernde Massen
von Otto Steinicke (ca. 1923)

Es gellt und schwelt und brennt ein Schrei!
Hungernde Massen!
Am Rathaus vorbei!
Vorbei an Villen, aus Winkeln und Gassen!
Hungernde Massen!
Sie schreien nach Brot!
Brot: Wir verrecken!
Brot oder Tod!
Es gellt und schwelt am Rathaus vorbei!
Und die Meute, sie lauert, geduckt zum Sprung!
Mülheim in guter Erinnerung!
Die Hakenkreuzmeute, lechzend nach Blut!
Es schwillt den Prassern der Bürgermut:
Kugeln statt Brot!
Verzweiflung und Not?
Verreckt auf der Straße!
Da hat der Hunger zum Stoß sich ermannt,
Da hat der Hunger die Bestie erkannt,
Die fette, die feiste Schieberbrut!
Brot! Dröhnt es geschlossen aus zehntausend Kehlen!
Nicht länger soll uns der Hunger quälen!
Brot! Millionenfach gellt es mit,
Im gleichen Takt, im gleichen Schritt!

Über den Autor

Otto Steinicke (1891, Clingen b. Greußen/Thüringen – 1943, Berlin)

Otto Steinicke trat nach dem Ersten Weltkrieg dem Spartakusbund und der KPD bei. Ab 1920 war er Redakteur und Feulletonist der “Roten Fahne” in Deutschland. Neben Literaturkritiken veröffentlichte er auch Erzählungen und Gedichte in der kommunistischen Presse, häufig unter dem Pseudonym “Havelok”. Aufgrund seiner revolutionären Gesinnung wurde er in der Weimarer Republik mehrmals inhaftiert. Im November 1943 verstarb Steinicke bei einem Bombenangriff in Berlin.