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Ich glaube…
von Theodor Neubauer (ca. 1943)

Ich glaube an den Tag, wenn auch die Nacht
herniedersank mit schwarzen Finsternissen
und uns die Binde auf die Augen legt.
Ich glaube an den Tag, durch den die Nacht
der argen Finsternisse wird zerrissen
und aller Nachtspuk wird hinweggefegt.

Ach, dass ich, sehend, euch nicht helfen kann,
da ihr, in Blindheit, einem Moloch dient,
der Hekatomben eurer Kinder frisst,
dass ich nicht lösen kann den bösen Bann,
in den ihr jauchzend euch zu binden schient,
der euch und aller Welt Verhängnis ist.

Ich glaube, dass ihr wieder zu euch findet
und euch der eigenen Verblendung schämt,
die euch in diese Finsternis verstieß,
das eigne Elend selbst als Schmach empfindet
und über eure eigne Schuld euch grämt,
die euch mit Strömen Blutes büßen ließ.

Ich glaube an den Tag, an dem das Licht
der Sonne siegreich eure Nacht verjagt,
der Blindheit Band euch von den Augen reißt,
den harten Winter eures Unglücks bricht;
da leuchtend euch ein neuer Frühling tagt
und man euch, neugeboren, Menschen heißt.

Über den Autor

Theodor Neubauer (1890, Ermschwed – 1945, Brandenburg)

Theodor Neubauer war ein Parlamentarier der Kommunistischen Partei Deutschland und antifaschistischer Widerstandskämpfer. Bereits 1933 wurde er aufgrund seiner politischen Tätigkeit für mehrere Jahre in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert. Nach seiner Haftentlassung im September 1939 baute er im Raum Thüringen ein kommunistisches Widerstandsnetz auf. Im Juli 1944 wurde Neubauer erneut verhaftet und vom Volksgerichtshof in Berlin wegen “Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung” zum Tode verurteilt. Er wurde am 5. Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.