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Im Arbeiter-Theater
von Unbekannt (1921)

Hoch im Norden von Berlin
saßen Männer, Frauen, feiertäglich
in dem aufgeputzten Saal.
Da und dort ein Sonnenstrahl,
leuchteten der Mädchen helle Blusen.
Auf der Bühne quälten sich die Musen.

Aus des Alltags staubigen Gelassen,
aus dem grauen Einerlei der Gassen,
aus der Not, dem täglichen Verdienen
waren all die Hunderte erschienen.
Bleibt mir mit Ästethik und Moral!
Jeder sucht sich seinen Karneval.

Auf der Bühne trieben ihre Possen
Flittergolden Clown und Tänzerin.
Renkten sich die Beine und die Köpfe,
machten faule Witze, lahme Höpfe.
Doch das Publikum war jubelnd mit dabei,
lachte sich die Seele frisch und frei.

Eines nur konnt’ ich mir nicht erklären;
in der Pause, kurz, ein Zeitungstelegramm:
“14 Kommunisten sind verhaftet!”
Weckte weder Nüchternheit noch Scham.
Und die Szene ward zum Tribunal
für die Weitertollenden im Saal.