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Kalender
von Erich Mühsam (1912)

Jänner:
Das Jahr beginnt um Mitternacht,
Wenn Luft und Land vor Kälte kracht.
Der Mensch grüßt froh den Neujahrstag
Und ahnt doch nicht, was kommen mag.

Februar:
Der Sturm bricht den kahlen Ast,
Auf tobendem Meere birst der Mast.
Eis treibt zum Meer, Schnee stürzt zu Tal.
Die Menschen feiern Karneval.

März:
Die Welt erwacht aus Wintersnot,
Wild kämpft das Leben mit dem Tod,
Im Freiheitssehnen schwillt das Herz,
Der Mensch erfleht sein Heil vom März.

April:
Heut’ Regen, Wind und Hagelschlag,
Und morgen strahlender Sonnentag.
Der Menschheit Schicksal muss gescheh’n
Durch Kreuzigung und Aufersteh’n.

Mai:
Zur Paarung drängt’s die Kreatur
Und neuer Samen schwängert die Flur,
Verkündend schwebt der heilige Geist
Zum Menschen, der dies Liebe heißt.

Juni:
Das Licht der langen Tage glänzt
Auf grüne Lande bunt bekränzt.
Im warmen Sonnenschein gerät,
Was für den Herrn der Knecht gesät.

Juli:
Die Luft liegt glühend überm Land,
Dumpf gähnt der Himmel im Sonnenbrand.
Die Berge und die Wasser ruh’n,
Der Mensch muss seine Arbeit tun.

August:
Gewölk reißt donnernd und zündend entzwei,
Gelähmte Lüfte atmen frei,
Sternschnuppen fahren den Himmel entlang.
Der Herr der Erde nur seufzt im Zwang.

September:
Der Boden saugt neuen Regen ein.
Die Saat trägt Früchte. Es reift der Wein.
Was weise Allmacht den Menschen gab,
Der Reiche nimmt es den Armen ab.

Oktober:
Der Herbst folgt der Natur Gebot,
Die Blätter färben sich gelb und rot.
Die Vögel fliegen mittagwärts,
Den Menschen fasst ein Abschiedsschmerz.

November:
Der Sturm entlaubt den Wald und gellt,
Das Meer braust auf, das Schiff zerschellt.
Den Armen beugt die Sorgenlast,
Der Hunger kommt bei ihm zu Gast.

Dezember:
Die Erde kleidet sich in Schnee,
Die ganze Welt ist kalt und weh.
Vor Gott sind alle Menschen gleich,
Sie träumen vom ewigen Friedensreich.

Über den Autor:

Erich Mühsam (1878, Berlin – 1934, KZ Oranienburg)

Erich Mühsam war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller und Aktivist. 1919 war Mühsam an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach fünf Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik war er in der Roten Hilfe aktiv. 1933 wurde Erich Mühsam von den Nazis verhaftet und in das KZ Oranienburg deportiert. Dort wurde er am 10. Juli 1934 von SS-Soldaten ermordet.

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