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Ketzerverbrennung
von Hans Maier (1933)

In Berlin, am Opernplatz, stieg eine Feuersäule,
dort hat man den “undeutschen Geist” vernichtet -,
dort hat man unter Heul-heul-Geheule
der “rassenfeindlichen Literatur”
und der frischgebackenen “Nazikultur”
ein qualmendes Denkmal errichtet…

Marx und Engels, sowie Lenin -,
übergab man als erste den “heiligen Flammen”,
die wurden als erste von allen verbrannt;
es mangelte ja allen dreien zusammen
an Glauben und Liebe zum Vaterland.
Zwar “Mehrwerttheorie”, “Kommunistisches Manifest”,
“Staat und Revolution”, sowie das “Kapital”,
wollten trotz Schreien und Tosen
durchaus nicht verglosen -,
und das war fatal.
Auch die “Materialistische Geschichtsauffassung”
war unzerstörbar, genau wie Asbest,
verflucht und verdammt feuerfest -;
dazu noch ungemein staatsgefährlich –
sogar im Aschenrest…

Auch Liebknechts und Rosa Luxemburgs Schriften
ist das gleiche Schicksal zuteil geworden -:
man warf sie hinein in die lodernde Glut;
doch trotze ihr Geist den teutonischen Horden,
viel leichter gelang’s deren Leiber zu morden -,
vor Jahren der viehischen Mörderbrut…
Vergeblich die Flammen züngeln und lecken:
Karl und Rosas Geist, er lebt –
er leuchtet hinein in die finstersten Ecken -,
wo Elend und Hunger ihr Dasein webt.
Ihr Geist ist längst in den Hirnen der Massen,
drohend er über Palästen schwebt -,
bis er zum letzten Kampf der Klassen –
mächtiger denn je sein Haupt erhebt…

Ob man Hegel geröstet und Kant,
ist zur Zeit noch nicht recht bekannt;
sicherer ist’s bei Spinoza und Heine:
die waren “undeutsch”, als “Judenschweine”.
Schiller und Goethe wurden pardoniert -,
die wurden nur “neudeutsch” zensuriert.
“Im Westen nichts Neues” elendig verglomm,
dafür konnte Luthers Bibel bestehn;
denn die war deutsch und vor allem fromm.
Auch “Sah ein Knab’ ein Röslein stehn”
fand Achtung, wegen der Elegie,
und aus Respekt vor der Poesie.
Doch revolutionäre Künstler und Dichter –
verfielen restlos dem Feuerrichter…
Weiter verbleiben in Gnaden:
“Ich hatt’ einen Kameraden”,
“Üb’ immer Treu und Redlichkeit”,
“Im tiefen Keller sitz’ ich hier”,
“O alte Burschenherrlichkeit”,
“Mein rassig’ Mädel grüßet mir”,
“Schenkt Henckel Trocken lustig ein”,
natürlich auch “Die Wacht am Rhein”;
Nur diese Kunst entging der Not,
samt ihrem schlimmen Flammentod…

Lastautos rasen in eiliger Hatz
mit Büchern beladen zum Hinrichtungsplatz.
Um das Feuer herum Indianertanz:
Ist’s Barbarei, ist’s ein Mummenschanz?
Kein Vandalismus, kein Narrenstreich -:
Nur Deutsche Kultur im Dritten Reich…

Über den Text:

Am 10. Mai 1933 ließen die Nationalsozialisten in mehreren deutschen Universitätsstädten die Bücher verfemter Autoren verbrennen. Die von der Deutschen Studentenschaft geplante und inszenierte Bücherverbrennung war Teil der sogenannten “Aktion wider den undeutschen Geist”, mit der kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller begann.

Über den Autor:

Hans Maier (1881, Ottensheim – 1945, Wien)

Hans Maier, besuchte drei Jahre die Volksschule in der Nähe von Linz, danach als Hirte tätig, anschließend Bäckerlehre. Als Geselle reiste er um 1900 jahrelang durch Europa. 1920 Beitritt zur KPÖ. Ab 1921 Mitarbeit im Feuilleton der KPÖ-Zeitung “Roten Fahne”. 1930 Gründungsmitglied des “Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs”. Nach dem Verbot der KPÖ (1933) nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, 1945 in Wien verstorben.

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