Kategorien
Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Mirogoj
von Jiří Wolker

Information


Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhaltsverzeichnis

Über Jiří Wolker

Es war am Mirogoj. Ich habe deutlich gefühlt,
Wie vom Auge sich löst die südliche gütige Welt.
Im Agramer Friedhof sind tausend Kreuze aufgestellt,
Und tausend Kreuze sind es, die ich im Auge behielt.
Die hölzernen Kreuze sind gleich, so gleich
Wie der Tod der Soldaten im Feld.

Gefesselte Hände zu Holzkreuzen geschlagen
Vermochten mich zu entführen, in die Ferne zu tragen,
Und so bin ich unter der Erde mit einem Heer marschiert.
Über dem kalkbegossenen Grab verwelken leise die Namen
Aller, deren Leiber im Weltkrieg umkamen.
Da wurde ich plötzlich von einer Frage berührt;
Denn jeder Tote wendet sich flehend mir zu
Und Fragen aus jedem Leichnam hallen:
„Lebendiger Bruder, du,
Sag‘, wofür sind wir gefallen?“

Mit der Blüte greift die Wurzel nach Sonnenschein.
Der Tote im Lebendigen erfährt, warum er fiel.
Man kann für alles in der Welt Kämpfer sein,
Doch nicht für alles setzt man dem Leben ein Ziel.
Russen, Deutsche, Tschechen, Franzosen, umfangen von Todesgraus,
Eure Erbschaft: Blut und Grab, in meinen Händen liegt.
Ich flehe daher, dass aus meiner Faust
Sie zu Brot und Wein erblüht.
Und eure Frage, schwere feierliche Glocke
Will ich sehr hoch in meinem Herz erheben.
Weil Gott es will, will ich Lebendiger mit Lebendigen leben
Eure lebendige Frage – Ihr Toten an allen Fronten der Welt.